VOX Lil' Night Train NT2H

Vox Lil‘ Night Train – Wie man das Biest zähmt

Wohnzimmeramps für E-Gitarre-Spieler sind die letzten Jahre richtig „in“. Die letzten Jahre diente mir der Blackstar HT-1RH als Amp um im Vergleich zum Line 6 Spider IV 15 Transistorverstärker war diese kleine Röhre mit ihrem max. 1 Watt in Sachen Sound und Feeling (für mich) ein Riesenschritt nach vorne. Doch vor einer Weile hat mich mein Blackstar verlassen. Ich stöpselte die Gitarre ein, es gab das übliche Ploppgeräusch und seither ist er stumm. Selbstredend war er da schon aus der Garantie raus.

Wohnzimmertaugliche Röhren-Heads gibt es gar nicht mal soo viele und dennoch habe ich lange gebraucht mich zu entscheiden. Schlussendlich habe ich mich spontan für den Vox Lil‘ Night Train (NT2H) entschieden, obwohl ich mehr auf einen fender-artigen Sound stehe. Aber die beiden anderen Kandidaten waren gleich nochmal um die Hälfte und mehr teurer und hatten keinen Kopfhöreranschluss. Die Recherchen im Netz ergaben zudem, dass man den kleinen Nachtzug ganz gut zähmen kann. Aber dazu kommen wir gleich.

Über den Amp

Der Vox Lil‘ Night Train ist ein geradezu winziges Vollröhrentopteil. In seinem Inneren werkeln zwei 12AX7 (ECC83) Röhren in der Vorstufe (also eine mehr als der Blackstar), während in der Endstufe eine 12AU7 (ECC82) zum Einsatz kommt. Heraus kommen 2 Watt RMS an 16 Ohm und 1,5 Watt RMS an einer 8-Ohm-Box. Das klingt wenig, kann voll aufgedreht aber jeden Nachbarn dazu animieren an der Tür zu schellen – wenn man es denn hört.

Weiter hat der Amp noch einen kleinen Klinkenanschluss für Kopfhörer / Recording und vorne die obligatorischen Regler für Gain, Höhen, Bässe und Lautstärke. Außerdem kann man zwischen Bright- und Thick-Modus umschalten. Der Thick-Mode liefert nochmals eine Stufe mehr Gain und umgeht die Tonregler.

VOX Lil' Night Train (Front)

Der Grundsound im Auslieferungszustand

Der Sound ist typisch britisch Vox, hat eine Betonung der oberen Mitten und dieses schimmernde Jingle-Jangle, welches das Markenzeichen von Vox ist. Diesen Grundcharakter hält der Amp auch nach sämtlichen Änderungen bei.

Im Bright-Modus kann er je nach Einstellung etwas topfig klingen (getestet an meinem 112er Palmer-Cab mit Celestion Greenback G12M-25). Dreht man die Lautstärke etwas auf kommt aber auch der Bass besser durch, ohne dass der Lil’Night Train jemals besonders basslastig wäre. Dreht man den Gain nur leicht über die 9-Uhr-Stellung hinaus, kommt man in Blues-Gefilde, ab 12 Uhr hat man schon ein ziemliches Rock-Brett und jenseits von 12 Uhr kommt dann immer mehr Gain hinzu. Hier wirkt der Vox dann in meinen Ohren zunehmend unruhig und weniger wohlklingend.

Im Tight-Modus gibt es mehr untere Mitten und Bassfundament und die Höhen erscheinen deutlich gezähmt. Clean ist hier nicht drin, denn schon in den unteren Gain-Einstellungen fängt der Vox an zu verzerren. Bei 9 Uhr hat man schon alles, was man braucht, darüber hinaus wird es dann sehr schnell sehr viel mehr. Für meinen Geschmack jedenfalls zu schnell zu viel.

Mit Singlecoils hat man natürlich etwas mehr Spielbereich und naturgemäß setzt die Übersteuerung bei P90 und Humbuckern früher ein.

Wir legen das Gain-Biest an die Leine

Ich hätte mich nicht für den Vox entschieden, hätte ich zuvor nicht im Netz von diversen Nutzern gelesen, dass sich das kleine Gain-Monster gut an die Leine nehmen lässt. Die Zauberwörter heißen Tube Rolling und C19-Mod. Bereits in verschiedenen Demos auf Youtube empfand ich nämlich die mögliche Dosis an Gain als viel zu viel für mich (aber man ist ja nicht gezwungen das immer auszunutzen).

Tube Rolling bezeichnet das muntere Ausprobieren anderer Röhren im Amp. Der C19-Mod besteht darin den Kondensator C19 abzuknipsen und damit im Bright-Modus das Überangebot von Höhen wegzunehmen. Die können teils ganz schön schmerzhaft ins Ohr gehen. Den C19-Mod habe ich (auch in Hinblick auf die Garantie) noch nicht durchgeführt, aber allein mit dem Tube Rolling bin ich auch schon sehr zufrieden.

VOX Lil' Night Train (offen)

Und was bringt es?

Mein LTN (mit zwei JJ 12AT7 und einer TT 12AU7) bleibt nun in einem deutlich größeren Regelbereich clean und der Crunch lässt sich besser dosieren. Im Bright-Modus fängt er nun etwa ab 10 Uhr leicht und fast unmerklich an den Klang bluesig einzufärben. Ca. bei 1 Uhr ist dann der Sweet-Spot wo es in den Crunch übergeht. Viele Spieler setzen den Amp genau auf den Sweet-Spot und kontrollieren dann den Gain ganz feinfühlig mit Anschlag und Volume-Poti an der Gitarre.

Der Bright-Modus besitzt nun sogar einen Clean-Bereich, der ähnlich klein ausfällt wie beim Bright-Modus im Auslieferungszustand, d.h. ab 9 Uhr ist Schluss mit Clean, wobei der Übergang deutlich kräftiger ist als im Bright-Modus. Kurz hinter 12 Uhr ist dann wiederum ein Sweet-Spot, ab dem der Amp dann ganz deutlich „Rock me, Amadeus!“ ruft.

Statt eines ungezogenen Kläffers habe ich nun einen ruhigeren Hund an der Leine, der aber jedem auf mein Kommando kräftig in die Eier beißen kann.

Neben der reinen technischen Spezifikation haben die Röhren auch Unterschiede je nachdem von welchem Hersteller und welches Modell sie sind. JJ-Röhren sind bekannt für ihren „brown sound“, einer warmen amerikanischen Klangfärbung mit eher cremigem Overdrive. Die britische, typisch voxige Grundausrichtung des Amps nehmen aber auch die JJs nicht weg. Da redet man von Nuancen und eben persönlichem Geschmack.

Wer hauptsächlich clean spielt, sollte mal eine 12AU7 als V1 testen. Da wird es dann schwierig den Vox überhaupt zum crunchen zu bringen und er übersteuert im Bright-Modus nur sanft am Ende des Reglerwegs. Im Thick-Modus verhält er sich dann ähnlich wie normal im Bright-Modus.

Ein Wort zu (Rock-)Röhren

Die in der Vorstufe eingesetzten 12AX7 Röhren haben einen sog. Gain-Faktor von ca. 100. Das ist der klassische Wert den eine 12AX7 laut technische Spezifikation haben soll, von dem manche aber leicht abweichen. Es gibt neben kleinen Serienstreuungen Modelle mit Werten zwischen ca. 90 und 115. Das was man an heutigen Amps mit dem Gain-Regler steuert ist der Grad an gewünschter Übersteuerung in der Vorstufe. Die Endstufe ist dann dazu da diese für die Boxen zu verstärken und kann – wenn man sie entsprechend weit aufreißt – noch sog. Endstufenzerre hinzu liefern. Natürlich kann man eine 2 Watt Endstufe eher mal in die Sättigung fahren als einen 40 Watt Head.

In den Anfangszeiten (und auch heute noch bei einigen Verstärkern, wie dem Fender Bassman) gab es keinen separaten Gain-Regler. Man musste den Amp so laut stellen, dass er irgendwann in die Übersteuerung ging. Das war dann aber oft weit über der Schmerzgrenze.

12AX7-Röhren in der Vorstufe kann man immer auch gegen elektrisch sehr ähnliche Röhrentypen mit weniger Gain austauschen. Eine übermäßig aggressive Vorstufe kann man so beruhigen und mit einem breiteren Regelbereich ausstatten – sehr nett wenn man das Maximum an Gain seines Amps nicht braucht oder es eh nicht mehr gut klingt – man kann ja auch immer mit einem freundlichen Boost-, Preamp- oder Overdrive-Pedal nachhelfen. Recht gebräuchliche Röhrenmodelle und ihre Gain-Faktoren, die man alternativ verwenden kann, sind:

  • ECC803: 100
  • 7025: 100
  • 5751: 70
  • 12AT7 / ECC81: 60
  • 12AY7 / 6072: 44
  • 12AU7 / ECC82 / ECC802-S: 17

Ich habe mit diversen Röhren in diversen Positionen im Lil‘ Night Train rumgespielt und heraus kam eine unter den LNT-Dompteuren recht beliebte Kombination:

  • V1: 12AT7
  • V2: 12AT7
  • V3: 12AU7

Die Bezeichnung der Röhren (V = valve) entspricht dabei der gängigen Reihenfolge, bei der V1 die Röhre am Eingang ist und dann dem Signalweg folgend durchnummeriert wird. Auf der Platine des LNT ist die Beschriftung wohl genau andersrum – warum auch immer. Ich bleibe hier aber bei der gebräuchlichen Nummerierung. Wenn man vor dem Amp steht geht die hier von links nach rechts. V1 ist die Eingangsröhre, hier landet das Gitarrensignal zuerst und hier ist der Einfluss der Röhre auf den Grundklang am größten. V2 ist beim Lil‘ Night Train die PI-Röhre (PI = phase inverter = Phasenumkehrer). Der Pi treibt gewissermaßen die Endstufe an, hier die V3. Nimmt man beim PI eine Röhre mit weniger Gain, erhöht das den Headroom und sorgt, wenn man den Amp aufdreht, dafür, dass die Endstufe eher in die Zerre geht.

Ausblick

Ganz durch bin ich mit dem Tube-Rolling noch nicht. Für die V1 werde ich mir vllt. einmal eine EH 12AY7 besorgen. Das setzt das Gain-Level nochmal leicht runter. Sie sind optimiert darauf möglichst geringe Störgeräusche zu verursachen und wurden von Fender gern in ihren Tweed-Verstärkern verbaut. Interessant könnte auch der Vergleich sein zwischen den Kombinationen 12AT7 + 12AT7 zu 12AY7 + 12AX7 (ich habe noch eine JJ ECC83S und eine Tung Sol 12AX7 Reissue die sich als PI gut machen soll).

Hinten heraus möchte ich die TT 12AU7 noch durch eine JJ ECC802-S ersetzen. Das ist eine etwas anders aufgebaute 12AU7, die nochmal untenrum etwas Schub und Wärme geben soll.

Wenn ich damit durch bin und etwas Zeit ins Land gegangen ist werde ich überlegen, ob ich dem Amp behalte oder verkaufe und mir einen VHT Special 6 Ultra Head besorge – um an meinen Fender-Sound zu kommen. Nur sind die Topteile der VHT Special Serie irgendwie allesamt aus den Sortimenten verschwunden. Warum auch immer.

Fazit

Insgesamt bin ich nun sehr zufrieden mit dem Amp. Gerade der jetzt sehr organisch klingende und fein dosierbare Bereich zwischen Clean und Rock ist toll. Ich bin auch zufriedener als mit Sound und Feeling als ich es mit dem Blackstar HT-1RH (RIP) war. Den eh recht schwachen Reverb des Blackstar vermisse ich bislang gar nicht. Die Rocktöne des Vox sind einfach viel überzeugender für mich als die im Vergleich etwas leblosen Töne des Blackstar, der für mich irgendwie marshallig klingt. Vllt. ist das Einbildung, vllt. liegt es daran, dass die Blackstar-Jungs ehemalige Marshall-Mitarbeiter sind. Marshall-Sound – auch wenn ich ihn in meiner Musiksammlung recht viel drin habe – mag ich für mich persönlich aber überhaupt nicht.

Mit dem Wechsel hin zu weniger übersteuernden Vorstufenröhren kann man den Vox Lil‘ Night Train ein ganzes Stück praxistauglicher machen, falls man nicht auf Unmengen an Gain steht. Aber selbst dann bringt der Austausch der ab Werk eingebauten Röhren gegen ein paar gute einiges. Ich habe nicht alle Kandidaten für Bedroom-Röhren-Amps durchgespielt, aber der NT2H kommt meinem Ideal schon ziemlich nahe, gerade wenn man den besonderen Sound (denkt mal an alte U2-Sachen, AC/DC, Led Zeppelin) mag.

Weitere Infos:

Kommentare (9)

  1. Klingt geil und sieht geil aus – was will man mehr? Ich habe als Wohnzimmeramp einen kleinen Fender Champion mit 5W und ein Mesa Boogie V-Twin davor. Die Kombi ist gut, aber stellenweise auch soundmäßig etwas unglücklich. Der Vox klingt im Video richtig gut und vor allem schön nach Röhre! Viel Spaß damit :)

  2. Andy von Pro Guitar Shop bekommt aber auch in Fäustlingen auf ner Wäscheleine noch nen geilen Sound hin ;-)

    Mes Boogie V-Twin!? Ich dachte mir seien auf Youtube schon alle Pedale begegnet – doch weit gefehlt! Muss ich gleich mal reinhorchen..

  3. Einen Tag mit dem Gerät verbringen und nur aufnehmen für samples *traum*

    :)

  4. Hier übrigens – nach weiteren Röhrentests – meine aktuelle Bestückung, die wohl auch bleiben wird, was man daran erkennt, dass ich den Röhren ihre Mützen und dem Amp sein Blechkleid wieder angeschraubt habe ;-)

    – V1: Electro Harmonix EH12AY7
    – V2: Tung-Sol 12AX7 Reissue
    – V3: JJ 802 S

  5. Also der kleine Nighttrain ist echt der Hammer… habe ihn mir in der Bucht ersteigert und habe nicht damit gerechnet, dass er so gut klingt – und ich habe noch keine Röhren gewechselt! (was ich sicher noch tun werde). Bin begeistert!
    Will den 15er auch antesten ;-) Dir, Alexander, vielen Dank für die Anregungen hier und die gute Beschreibung des Amps.

  6. Keine Ursache! Der 15er gehört glaube ich zu den Geräten, die nur laut ordentlich klingen. Wohl also dem der aufdrehen kann :D
    Im Musiker-Board gibt es übrigens auch nen bebilderten Post wie man den Sound durch einfaches Umlegen von ein paar Kabeln aufräumen kann, wenn es zu sehr brizzelt: http://www.musiker-board.de/reviews-e-git/417479-amp-vox-lil-night-train-2.html#post6588206

    Man braucht nur einen Schraubendreher zum Öffnen (die vier Schrauben am Boden neben (!) den Gummifüßen) und einen Seitenschneider oder ein Cuttermesser um zwei Kabelbinder zu öffnen.

  7. Der nach der „Kabelbändigung“ für mich beste Ausbau sieht dann nun wiefolgt aus:

    – V1: TAD 12AX7A-W Selected (RT001)
    – V2: JJ 12AT7
    – V3: JJ ECC802 S

    Er ist nun aber in die Bucht gewandert, weil ich mit britischem Sound gar nicht so recht etwas anfangen kann (auch wenn ich U2, Stereophonics, etc. höre).

  8. Mein Gott … wie schön! Das Ding kann man sich ja auch einfach so in jeden Wohnraum stellen. Wahnsinn – habe den Bericht sehr interessiert gelesen und … na, ich werde mal sehen … ich habe mich ein wenig in den Night Train verliebt *-)

  9. Wow, ist das Ding schön! Das Retro-Design ist genial. Und wenn der Klang dazu noch passt, ist das fast unwiderstehlich. Wow.

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