Der Neandertaler in uns

155 Jahre ist es her, als Arbeiter in einem Steinbruch im Neandertal bei Düsseldorf, zwischen Erkrath und Mettmann, Knochenfragmente fanden. Es waren nicht die ersten ihrer Art, doch sollte der Fundort von nun an für immer mit dem Fundstück verbunden bleiben. Wissenschaftler schrieben die Knochen einem Urmenschen, dem Neandertaler (Homo neanderthalensis) zu. Was folgte waren 155 Jahre voll von widersprüchlichen Meinungen, kontroversen Diskussionen; die Geschichte einer langen Detektivarbeit deren Ende auch heute noch nicht abzusehen ist.

Kein Urmensch, sondern ein an einer deformativen Knochenkrankheit leidendedes Indivduum soll er gewesen sein. Eine Art, die die biblische Sintflut nicht überlebt hat, stand ebenso zur Diskussion. Die Vorstellung wir Menschen hätten einen eher groben und tumben affenähnlichen Vorfahren behagte damals vielen nicht. Auch heute noch gibt es Bewegungen die alle Funde aus Archäologie und Paläontologie so uminterpretieren, dass es mit der biblischen Schöpfungsgeschichte zusammenpasst (Kreationisten – ich schnalls nicht!).

Illustration von Zdenek Burian, 1957

Illustration von Zdenek Burian (1957)

Ich erinnere mich an die Bücher, die ich als Junge und Jugendlicher las. Die Abbildungen von behaarten Wesen, mehr Affe als Mensch, die mit Faustkeil und Keule vor ihren Höhlen kauerten, bekleidet nur mit einem Lendenschurz oder einem Fell, wenn überhaupt. So sahen wir damals unsere Vorfahren und so sahen wir auch den Neandertaler. Als sich nach der Einordnung vieler alter und neuer Funde herauskristallisierte, dass der Neandertaler kein direkter Vorfahre des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) ist, wurden unsere direkten Vorfahren in den Illustrationen der Bücher und Veröffentlichungen schnell menschlicher, während der Neandertaler lange Zeit weiterhin als Primitivling dargestellt wurde.

Common Sense ist heute, dass er gewissermaßen ein Bruder, eine nebenläufige Entwicklungslinie zum modernen Menschen war, die vor rund 30.000 Jahren ausstarb. Werkzeugfunde auf Gibraltar werden von einigen auch als Möglichkeit angesehen, dass die letzten Neandertaler gar womöglich erst vor 24.000 Jahren ausstarben. Hier, im heutigen Spanien, war wohl sein letztes Rückzugsgebiet zu einer Zeit, als es in Europa noch kälter wurde und auf Gibraltar noch ein moderates Klima herrschte. Der Rückzug der Neandertaler fällt zeitlich mit dem Klimawandel und dem Einzug des Homo sapiens aus Afrika zusammen. Je weiter der Mensch sich von Osten kommend in Europa ausbreitete, desto mehr verschieben sich die Fundstellen von Werkzeugen und Knochen der Neandertaler in Richtung Westen.

Seit Jahrzehnten wird daher geforscht, ob der moderne Mensch seinen Fressfeind womöglich ausgerottet hat, entweder tatkräftig mit Waffengewalt, oder über einen Verdrängungsmechanismus, über seine überlegene Anpassungsfähigkeit während es in Europa (noch) kälter wurde, oder durch eine Kombination mehrerer Faktoren. Für mich sind dies die spannendsten denkbaren Detektivgeschichten. Der Versuch aus einer Unzahl kleinerer und größerer Funde schlau zu werden. Mit immer neuen und besseren Methoden Alter und Herkunft zu bestimmen und nicht zuletzt Überlegungen anzustellen wie weit auseinander beide Arten zur gleichen Zeit tatsächlich waren.

Wenigstens 160.000 Jahre lebte der Neandertaler an der Spitze der Nahrungskette in Europa, dem nahen Osten und Teilen Asiens. Die gemeinsame Zeit mit dem modernen Menschen betrug hier in Europa aber bestenfalls wenige Jahrtausende und bislang wurden keine Kampfspuren an den Überresten eines Neandertalers gefunden die auf Einwirken von Waffen schließen lassen. Im Nahen Osten dagegen lebten beide Arten mehrere zehntausend Jahre in demselben Lebensraum, ehe Homo sapiens sich vor 40.000 Jahren nach Europa ausbreitete.

Rekonstruktion des Neandertaler Kindes Gibraltar 2

Neandertaler-Kind Gibraltar 2, etwa 3 Jahre alt

Von den alten Zeichnungen und Illustrationen hat man sich mittlerweile ein gutes Stück weit entfernt. Moderne Rekonstruktionen und anatomische Vergleiche zeigen, dass Neandertaler und Menschen sich recht ähnlich waren. Er war etwas kleiner und kompakter mit im Verhältnis gesehen etwas kürzeren Beinen, aber sehr kompakt, kräftig und robust, dadurch benötigte er aber auch vergleichsweise viel Energie (Nahrung). Trotz der Unterschiede im Gesichtsschädel würde ein Neandertaler entsprechend gekleidet auf unseren Straßen wohl kaum auffallen und genetische Untersuchungen zeigen, dass unter Neandertalern rote Haare und die einhergehende helle Haut gleich häufig verbreitet waren wie bei uns heute. Gut möglich, dass Individuen wie auch bei uns ganz unterschiedliche Haarfarben hatten (Die roten Haare der Neandertaler). Sein Gehirn war sogar größer als das unsere und Funde von Zungenbeinen und des bei uns für die Sprachentwicklung wichtigen FOXP2-Gens weisen zudem aus, dass er wohl die Voraussetzungen für die Entwicklung von Sprache gehabt hat, auch wenn er sich wohl anders anhörte als wir (Stimme der Neandertaler simuliert).

Darüber hinaus war lange unklar und umstritten ob sich Neandertaler und Menschen vermischt haben, ja ob eine Vermischung überhaupt biologisch möglich war. Hier gab es immerwieder widersprüchliche Untersuchungsergebnisse. Das aktuelleste ist allerdings ein klares Indiz dafür, dass Homo sapiens und Homo neanderthalensis sich gepaart haben, denn ein bestimmtes Merkmal (Haplotyp B006 auf dem X-Chromosom) in der DNA kommt heute ausschließlich in den Genen von 9% aller Nicht-Afrikanern vor – und in der DNA von Neanderthalern (Moderne Menschen paarten sich mit Neandertalern). Die Einkreuzung hat wahrscheinlich in der Zeit vor 50.000 bis 110.000 Jahren stattgefunden, als beide Arten zeitgleich den Nahen Osten (Israel) bewohnten. Einer deutschen Studie zufolge sollen 1-4% der Gene von Europäern und Asiaten vom Neandertaler stammen (Wir sind alle ein bisschen Neandertaler).

Möglicherweise haben wir unsere Ausbreitung, unser Überleben als Art, denjenigen Neandertaler-Merkmalen zu verdanken, die uns in den später eroberten Lebesräumen zum Vorteil gereichten. Die mit den roten Haaren einhergehende helle Haut erleichterte beispielsweise im weniger sonnenintensiven eiszeitlichen Mitteleuropa die Vitamin-D Produktion in der Haut. Andere übernommene Merkmale steuern Energiestoffwechsel, Hirnwachstum und andere Faktoren. Letzten Endes wanderten unsere Vorfahren in Europa ein und in gleichem Maße wie sie den neuen Lebensraum besiedelten können vom Neandertaler nur mehr Spuren in den immer kleiner werdenden übrigen Gebieten gefunden werden.

Die rasante Verbreitung des Menschen geht vermutlich auch darauf zurück, dass wir fruchtbarer sind. Während ein Neandertaler einen recht hohen Energiegrundumsatz hatte, war der moderne Mensch genügsamer. Der Energiebedarf war dann wohl auch ein limitierender Faktor bei der Aufzucht des Nachwuchses, da er auch entsprechend höhere Anforderungen an die Mütter stellte. So wird vermutet, dass Neandertalerfrauen nur etwa alle vier Jahre Nachwuchs gebähren konnten.Durch die Verdrängung und den Rückzug in weniger attraktive Lebensräume erschwerten sich die Bedingungen der Neandertaler zusätzlich, die ohnehin in deutlich kleineren Gruppen lebten als die Menschen. Verdrängung und Rückzug isolierten diese Gruppe nun noch zusätzlich (Haben die Menschen allein durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit die Neandertaler verdrängt?).

Dort wo Menschen und Neandertaler sich begegneten mögen auch eingeschleppte Krankheiten eine Rolle gespielt haben, gegen die die Neandertaler keine Abwehrmechanismen hatten. Ähnlich wie bei der Urbevölkerung Südamerikas nach der Entdeckung durch die Europäer.

Statistische Modelle von Anthropologen weisen zudem aus, dass bereits kleine Unterschiede in Ausbreitung / Vermehrung über Jahrtausende dafür sorgen, dass Bevölkerungsgruppen vollständig verdrängt werden bzw. ineinander aufgehen. Genanalysen zufolge lebten in Europa lediglich 7.000 bis maximal 10.000 Neandertaler gleichzeitig (Zehntausende Jahre Einsamkeit), was die Anfälligkeit erhöht, aber auch nicht der alleinige Grund des Aussterbens war, hatte der moderne Mensch doch einen früheren Bottleneck überlebt, während dessen seine Population auf womöglich nur noch wenige hundert Individuen geschrumpft war (Um ein Haar wäre der Mensch ausgestorben).

Immer mehr Puzzlestücke fügen sich nun zusammen und laufend kommen neue hinzu. Sie erlauben uns den Blick zurück auf eine Art, die uns sehr ähnlich war, die sprechen konnte, geschickt im Jagen und im Werkzeugbau war, die ihre Toten bestattete und letzten Endes womöglich einen wichtigen Beitrag für unser Überleben leistete. Als eigenständige Art mögen sie ausgestorben sein, doch durch den genetischen und kulturellen Austausch sind sie noch heute unter uns. Wäre die Geschichte nur minmal anders verlaufen, würden sie sich womöglich heute über die Knochen unserer Vorfahren an der Küste Südafrikas beugen und die Geschichte unseres Aussterbens rekonstruieren.