Die schärfste Currywurst und ich – Ein Leidensbericht

Ich liebe gut gewürztes Essen. Gern darf es auch etwas schärfer zugehen. Da bin ich recht schmerzfrei und probierfreudig. Als wir bei unserem Hockeytripp nach Mannheim vor einigen Wochen in der Nacht zu einer Currywurstbude geleitet wurden, die angeblich die schärfsten Würste der Republik haben soll, war zumindest meine Neugier direkt geweckt. Der Rest wollte einfach nach der Kneipentour noch eine Kleinigkeit essen, ehe es ins Hotel ging.

Teil 1: Die Koeri-Wurst

Im Koeri, so der Name des Ladens in Mannheim, gibt es neben verchiedenen Currywürsten, hausgemachten Salaten und Soßen, sowie dem Getränkesortiment aus dem Hause Fritz auch verschiedene Schärfestufen für die Mantaplatte. Über allem thront auch noch das Plakat zum letzten Wettbewerb, der Hall of Flame Trophy. Die Schärfegrade gehen von 1 (Bambi) bis 8 (K.O.). Ab Stufe 6 muss der Esser zudem 18 Jahre alt sein und eine schriftliche Erklärung unterschreiben, denn hier geht es echt heiß her!

Im Fernsehen habe ich schon zu verschiedenen Gelegenheiten Berichte über Wettbewerbe im scharf Essen gesehen. Verheulte Gesichter, Schweißausbrüche, Kreislaufkollaps sind die Dinge, an die ich mich erinnere. Ich entschied mich zunächst für eine Currywurst der Stufe 4. Wenn ich es noch richtig im Kopf habe, hatte diese Wurst eine Schärfe von irgendwas in den 100.000 Scoville. Scoville, das ist die Einheit der Schärfe und gibt an mit vielen Teilen Wasser man etwas strecken muss dass man es nicht mehr schmeckt. Tabasco hat 2.500 Scoville. Die 4 ging locker runter. Kann man immer und überall essen.

Nein, nur diese 4 hätte den Abend nicht rund gemacht. Es fehlte noch ein guter Abschluss. Daher nahm ich die 6 in Angriff. Wirt Simons eindringliche Warnung ließ ich links liegen. Seltsam war es dann aber schon, als er die Sauce für die Wurst mit Handschuhen anrührte, um sich nicht versehentlich irgendwo mit der Soße zu benetzen. Wer schonmal Chilis geschnitten und sich versehentlich in eine Wunder oder die Augen gerieben hat, wird wissen wozu diese Vorsichtsmaßnahme dient.

Nach meiner Unterschrift ging es zurück an den Tisch. Alle waren gespannt wie ich diese Portion wohl bewältigen würde – mich inbegriffen. Die ersten Stücke Wurst gingen gut runter. Ich schmeckte die Wurst, die Soße und alles war gut. Ich aß normal langsam und Stück für Stück und dann, nach dem dritten Stück, ging es los. Die Schärfe begann schnell den ganzen Mundraum auszufüllen. Schärfe, das war nun kein Geschmack mehr, sondern bloß noch Schmerz. Physiologisch ist das auch völlig korrekt. Der Wirkstoff, der etwa Chilis seine Schärfe verleiht, ist das Capsaicin. Dieses Alkaloid wirkt nicht wirklich auf die Geschmacksnerven, sondern reizt die Schmerzrezeptoren. Für den Körper wirkt dies wie eine Verbrennung. Entsprechend weiten sich Blutgefäße und ggf. bekommt man es mit dem Kreislauf zu tun. Ich nicht. Als nicht besonders schmerzempfindlich bekannt aß ich weiter. Der Schmerz blieb, die Augen tränten etwas, aber in den Pausen war zu merken, dass die Wirkung auch recht schnell wieder verklang.

Wirklich „Schmecken“ tut die 6 schon nicht mehr. Sie liegt im Koeri bei über 1 Million Scoville. Ein leckeres Milcheis besänftigte die gebeutelten Nerven nachher. Fett, wie es z.B. in Milchprodukten vorkommt, bindet das Capsaicin und führt zu einer schnellen und wirkungsvollen Linderung – für ein paar Augenblicke.

Teil 2: Alex kann es nicht lassen

Da ich es nicht lassen konnte suchten wir am folgenden Abend ebenfalls das Koeri auf. Nein, mit der 7 wollte ich mich nicht aufhalten. Ich wollte aufs Ganze gehen, ich wollte auf die 8 – den Olymp der Schärfe. Die 8 wird mit einer Soße namens „The Source“ gewürzt. Sie ist die schärfste Soße der Welt mit über 7 Millionen Scoville. Reines Capsaicin (ein kristallines Pulver) hat 16 Millionen Scoville, wird meines Wissens nach aber weder irgendwo produziert, geschweige denn verkauft. Die Bedienung zögerte zunächst, doch Chef Simon meinte nur „Mach nur, der hat gestern schon die 6 wie nichts verdrückt, der kann das ab.“

Als ich zum Tisch ging mussten die übrigen Gäste schon aus der Entfernung ob des bloßen Gerüchs husten. Hier musste ich nicht bis zum dritten Stück Currywurst warten. Bereits das erste Stück Fleisch entfaltete seine Wirkung und machte aus meinen Mundraum ein flammendes Inferno. Atmete ich durch den Mund aus hatte ich eine Idee davon, wie sich ein Schweißbrenner fühlen muss. Der Schmerz war für mich dennoch erträglich. Ich fand ihn nicht schlimmer als bei der 6. Irgendwann stellen die Schmerzrezeptoren eben auf Dauerfeuer und mehr geht nicht.

Allerdings stellten sich von Bissen zu Bissen zusätzliche Effekte ein. Das Gesicht begann komplett an zu kribbeln, als würden tausende  Ameisen darüber laufen. Natürlich begann ich zu schwitzen, was sich aber in Grenzen hielt. Wesentlich schlimmer erging es einem Nachbarn. Vor seinen Freunden und Freundinnen wollte er wohl den harten Macker markieren und versuchte sich an einem Stück 5er Wurst seines Freundes. In Sekundenschnelle verschwand er jaulend durch die Tür in die Schwärze der Nacht!

Ich dagegen aß weiter. Hörte Geschichten von ehemaligen Kandidaten, die es noch so eben auf die Straße geschafft und sich dort übergeben hatten. Nein, übel war mir nicht. Aber ich konnte nicht einschätzen ob wenn ich mehr esse die Effekte stärker werden würden. Nur ungern hätte ich die Nacht mit einem Kreislaufkollaps beendet. So unterhielt ich mich mit meinen Begleitern und Simon und machte – 3 Stücke vor Schluss – klar, dass es mir nicht um Titel und Trophäen ging. Simon zeigte sich beeindruckt von meinen Nehmer-Qualitäten, da ich nicht einmal zitterte. Auch so eine bekannte Nebenwirkung. Bis dato soll wohl niemand die 8 so cool verdrückt haben.

Schlussendlich werkte ich wie die Wirkung im Mundraum verklang, auch das Kribbeln im Gesicht verschwand und so nahm ich noch in Ruhe die letzten drei Stücke in Angriff. Geschafft! Als gerade einmal achter Mensch überhaupt war es mir gelungen die 8 zu essen. Von nun an war ich Mitglied des erlauchten Kreises der Hall of Flame!

Teil 3: Die Nachwehen

Wieder draußen in der Mannheimer Nacht bekam ich nach einigen Minuten in denen es mir prächtig ging (aber ich merkte nichts von dem angeblichen „Flash“ den viele bekommen) Magenschmerzen. So stark, dass wir uns auf die Suche nach etwas Milchhaltigem begaben. Im McDonald’s einen großen Vanille-Milchshake? Keine Chance bei den Schlangen an der Kasse.. Es dauerte noch qualvolle Minuten, ehe wir einen Dönermann fanden. Halb gierig und halb genüsslich trank ich den ersten Ayran meines Lebens (gar nicht übel das Zeug) und alles war wieder gut. Bis zur Nacht im Hotel.

Ich erwachte mit Magenschmerzen von einem anderen Stern. Als stecke eine glühende Lanze in meinem Magen. Irgendwann aber siegte die Müdigkeit und ich schlief erstmal wieder ein. Als ich erneut aufwachte war es noch schlimmer geworden. Auch wenn es heißt das Schärfe durch Wasser nicht gelindert, sondern nur verteilt wird, ging ich ins Bad und trank ein großes Glas Wasser. Zunächst vorsichtig und schluckweise, dann mehr. Nach ein, zwei Minuten wurde es besser. Als ich gerade wieder einschlafen wollte ging es aber wieder los. So quälte ich mich stundenlang in dieser Nacht. Mit Schmerzen die durch kein Wasser, keine Bewegung oder Körperhaltung zu bändigen waren. Nur wenn ich tief durchatmete war mein Körper für einen Sekundenbruchteil vom Schmerz abgelenkt.

Auf dem Höhepunkt des Schmerzes lief ich auf und ab, kauerte mich auf dem Bett zusammen, versuchte flach auf dem Rücken zu liegen und mich zu entspannen und zu konzentrieren. Eine gefühlte Ewigkeit verbrachte ich so, bis ich endgültig nicht mehr konnte und Karsten weckte. Der schaute ebenso hilflos wie verwirrt mit einem „Und was soll ICH jetzt machen!?“-Blick drein. „Keine Ahnung. Taxi anrufen, was mit Milch bringen lassen. Irgendwas. Aber ich halte das nicht mehr aus!“ keuchte ich durch den Schmerz, den kalten Schweiß auf der Haut.

Ein paar Minuten später – wir hatten noch keine Aktionen eingeleitet – ebbte der Schmerz auf ein Maß ab, das für mich handhabbar war. (Ihr erinnert euch, ich bin recht schmerzresistent.) Für zwei Stunden fanden wir Schlaf, ehe es Zeit wurde aufzustehen und das Hotel zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war ich okay. Der Schmerz war weiter abgeebbt, aber weiter vorhanden. Noch auf dem Weg nach unten in die Lobby hatten wir alle die gleiche Idee, nämlich dass es besser sei wenn ich nicht am Steuer des Wagens sitze, falls der Schmerz wiederkäme. Kaum ausgesprochen, vllt. durch die Bewegung ausgelöst, ging es wieder los. Das große hinterm Hotel vom Personal erbettelte Glas Milch brachte ein wenig Linderung. Auf dem Beifahrersitz hatte ich noch ein paar unangenehme Augenblicke, doch schon als wir eine dreiviertel Stunde später Karsten daheim ablieferten und er mir noch eine Tüte Milch vermachte (Danke!), konnte ich gefahrlos selbst fahren. Auf dem Weg heim durch den Westerwald war auch Platz für ein paar Burger und den großen Vanillemilchshake, sehr zur Überraschung von Peter und Michael.

Abspann

Rückblickend betrachtet bin ich mir ziemlich sicher, dass es ein Fehler war die 8er Koeri-Wurst auf quasi nüchternen Magen zu essen. Ich hätte vorher, oder danach noch etwas ordentliches essen sollen, um nicht nur dieses Teufelszeug „The Source“ im Magen zu haben. Froh bin ich irgendwie darüber, dass ich mich nicht übergeben musste. Wie das wohl erst gebrannt hätte!? Die Schmerzen jedenfalls werde ich niemals vergessen. Das war der intensivste Schmerz den ich in meinem Leben gespürt habe, noch dazu habe ich mich stundenlang damit herumgeschlagen, ohne Betäubung.

Ach, und falls ihr wissen wollt wie es war, als die Koeri-Wurst als Wurst wiedergeboren wurde: Nicht der Rede wert. Ich habe Döner gegessen nach denen ich auf dem königlichen Porzellan deutlich mehr Probleme hatte. Nach den Koeris des Wochenendes aber war es jedoch, als hätte ich sie niemals gegessen.

Bei Gelegenheit muss ich daran denken ein Foto und meinen Namen zu den Koeri-Boys zu schicken, dass ich auch auf der Website (die wird gerade umgestaltet) in die Hall of Flame eingetragen werde. Nochmal muss ich das jedenfalls nicht machen. Ich brauche keinen Wettbewerb um mir oder anderen etwas zu beweisen. Das habe ich hinter mir.

Kommentare (6)

  1. Rückblickend betrachtet bin ich mir ziemlich sicher, dass es ein Fehler war die 8er Koeri-Wurst auf quasi nüchternen Magen zu essen.

    Lol .. später ist man immer schlauer! ;)

  2. Sehr schöner Bericht, hat mir gefallen. Das Koeri werde ich bestimmt auch mal besuchen, aber maximal Stufe 6 ;-)

    Tom

  3. Ich bin auch ein Freund des scharfen essens. Und, wer es noch nicht weiß, China teilt sich in mehrere kulinarische Regionen auf, im Norden Beijing, isst man nicht so scharf, im Süden schon. Nun war ich in Beijing und wollte lecker scharf essen und wollte mir ein Gericht, auf einer Englischen Karte, mit einem Bildchen von 3 Chillis, der maximale Schärfegrad in diesem Restaurant bestellen, da fragte mich doch wirklich die Kellnerin, ob ich wüsste, dass es scharf sei. Sie beliess es nicht bei 1ner Nachfrage, nach der 15ten konnte ich ihr auf gebrochenem Chinesisch klar machen „JA“!!! P.S. Hab schon schärferes gegessen…

  4. Du hast sie nicht mehr alle und das meine ich voller Bewunderung. Ich hätte wahrscheinlich schon bei 4 aufgeben müssen, aber 8 … ?! Bei uns in Frankfurt haben wir „Best Worscht in Town“ mit ähnlichen Sorten und angeblich der schärfsten Sauce Deutschlands (sagt wohl jeder von sich), aber ich werde es gewiss nicht selbst versuchen.
    Und jetzt erstmal Milch trinken.

  5. Ein bischen beknackt muss man schon sein, denke ich. Aber man stirbt nicht dran und auch die schlimmsten Schmerzen gehen irgendwann vorbei ;)

  6. hallo alexander,

    mein name ist philipp behrens. ich bin reporter beim südwestrundfunk in mannheim und bin durch zufall über deinen bericht gestolpert. hat mir super gefallen, sehr plastisch geschildert. hat du eine tel-nr. unter der ich dich erreichen kann?

    gruß aus mannheim, philipp behrens

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