Begünstigt und deckt die katholische Kirche Missbrauch?

Katholische Waisenhäuser, in denen Kinder misshandelt und missbraucht werden, Priester die sich an Kindern vergehen, dererlei Horrorstorys geistern immer einmal wieder durch die Presse und Gerichte der Welt. Ehrlich gesagt ein Thema mit dem ich mich nie groß beschäftigt habe und dass ich eher als Motiv aus Büchern und Filmen kenne. Dass es sich hier aber nicht nur um ein Thema von fanatischen Kirchengegner handelt, sondern dass es einen realen Hintergrund gab und gibt, wird uns aktuell durch den Bericht der irischen Child Abuse Commission vor Augen geführt.

Vor neun Jahren wurde sie vom irischen Staat eingesetzt, um die Vergangenheit aufzuarbeiten, um mit ihr abschließen zu können. Der Report umfasst 2.600 Seiten und ist online einsehbar. 2.600 Seiten. Allein diese Zahl macht klar, dass es sich dabei nicht nur um bedauerliche und seltene Einzelfälle handeln kann. Misshandlung und Missbrauch mit System, Vertuschung und Todschweigen ebenso mit System, davon schreibt Tom Appleton, Baujahr 1948, geboren in Berlin, aufgewachsen in Teheran und nach zwei Jahren in Wien nun wohnhaft in Neuseeland. Er hat diesen Report zum Anlass genommen die Situation, ihre Ursprünge und Dimensionen zu beschreiben und hieraus Forderungen für die Reformation der katholischen Kirche abzuleiten.

Sein Artikel „Wozu das Zölibat taugt?„, Untertitel „Die Antwort ist ganz einfach. Zum Kinderficken.“ ist ziemlich heftiger Tobak. Doch wenn seine Darstellung stimmt (und der Report legt dies nahe), dann ist er richtig und wichtig, um über die durchaus enthaltene Provokation eine öffentliche Diskussion anschieben zu können. Doch wenn Tom Recht behält, dann wird die Kirche auch weiterhin Wege finden einer solchen Diskussion ausweichen zu können. Und vllt. möchte die breite Öffentlichkeit eine solche Diskussion auch gar nicht, denn sie verbreitet natürlich eine Verunsicherung und Angst davor, was wir über unsere eigene unmittelbare Umgebung womöglich noch nicht wissen.

Eine solche Darstellung bestärkt mich wiederum auch in meiner ablehnenden Haltung gegenüber groß angelegter organisierter Religion. Für mich ist und bleibt Religion Privatsache eines jeden Individuums. Ich halte nichts davon unreflektiert irgendwelchen Dogmen hoher Priester zu folgen und im Falle von Kritik auch noch mit reichlich Gegenwind rechnen zu müssen. Darum halte ich mich aus religiösen Themen für gewöhnlich auch heraus, mache in diesem Fall aber eine Ausnahme, weil der Artikel bei mir einschlug wie eine Bombe.

Kommentare (7)

  1. Von einer Glaubensgemeinschaft die streng hierarchisch geliedert ist und einen ‚Absolutheitsanspruch‘ sowohl ihren ‚Gläubigen‘, als auch ihren ‚Mitgliedern‘ gegenüber hat kann man doch wohl nicht ernsthaft annehmen, daß sie „Fehler“ (ich nenne es ‚mal alternativ „Skandale“ oder „Sauereien“) offen zugibt und öffentlich diskutiert / diskutieren läßt ….

    Die Geschichte der Kirche zeigt doch, wie mit Kritikern und Abtrünnigen umgegangen wurde – und Herr Ratzinger war ja vor ca. 10 Jahren durchaus als ‚hardliner‘ bekannt:
    Wieso sollte sich daran etwas geändert haben? Das hat ihn doch gerade aus diesem Sumpf nach oben gespült!

    Durch die Stufen vom einfachen Priester bis zum Papst ziehen sich die Spuren der Kinderschänder – da wäre/ist es naïv anzunehmen, daß die (selbst intern bekannten!) Betroffenen andere Betroffene rügen würden:
    Zu gefährlich, daß dann Andere ‚auspacken‘ weil sie sowieso nichts mehr zu verlieren haben ….

    Was bedauerlich ist:
    Es gibt auch in den großen Glaubensgemeinschaften durchaus selbstlose Wohltätigkeit und aufopferungsvolle Menschen. Sie werden bei einer pauschalen Verurteilung immer noch schlimmer betroffen sein als die „wahren Täter“.

    Schon deswegen muß schonungslos aufgeklärt und öffentlich gemacht werden.

  2. Im Europamagazin auf der ARD kam eben ein Beitrag mit Interviews dreier Missbrauchsopfer, teils gedreht an Originalschauplätzen. Es ist schwer zu begreifen, was diesen Menschen als sie noch Kinder waren angetan wurde. Jahrelang hat man sie vergewaltigt und misshandelt, ließ sie teils spezielle Peitschen in Werkstätten anfertigen, damit ihre Peiniger sie noch effizienter quälen konnten. In Kirchengemeinden, in Kinderheimen, …

    Im Herbst soll ein weiterer Bericht folgen.

  3. In der Frankfurter Rundschau wird dieser Tage viel über dieses Thema berichtet. Darin ein Hinweis, daß ein ehemaliger Schüler des Canisius Kollegs in Bonn (oder Berlin?), Norbert Darief, Unterschriften für eine Klage beim EGH sammelt, um die 10-jährige Verjährungsfrist für sexuelle Übergriffe zu kippen. Das ist dringend notwendig, weil es oft über 20 Jahre dauert, bis sich ehemalige Opfer melden. Wer weiß da Näheres? (fritisch@gmx.de)

    Wie kann man nur bei diesen Ungeheuerlichkeiten diese menschenverachtende, anmaßende und durch ihr Schweigen kriminelle Organisation durch Mitgliedschaft stützen? Zum Glauben braucht man keine katholische „Kirche“, deren einziger Zweck dem materiellen Machterhalt in mittelalterlichen Strukturen dient. friti

  4. Der Staat BRD hat die Kirchen immer unterstützt, auch mit viel Geld – entgegen dem Geist und dem Buchstaben des Grundgesetzes. Kirche und Staat müssen strikt getrennt sein und haben in Schulen, Universitäten usw. nichts zu suchen. Sie können ja als Vereine tätig sein. Und vor allem muss die Praxis der vom Staat automatisch eingezogenen Kirchensteuer ein Ende haben – so etwas gibt es nirgendwo sonst in der EU oder auf der Erde. Wo ist die Institution die das entsprechend einklagt? Und wo bleiben die Kontrollmechanismen, um die Verfehlungen auch der Kirchen aufzudecken und zu unterbinden? Nicht mehr, aber auch nicht weniger als in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

  5. Ich war im Kinderheimer in Bad Woerishofen zwischen 1958 und 1964. Immer noch habe ich furchtbare Traume. Ich war im Dominikannerinen Kloster. Die Schwestern waren total brutal. wir wurden geschlage und seelisch kaput gemacht. Wenn man Besuch bekam durften wir nichts unseren Eltern sagen. Es war eine reine Gehirnwaesche. Jeden Tag muss ich daran denken. Wohne in den USA wo es die gleichen Schanden gibt

  6. sexuelle und andere Gewalttäter, egal in welcher Form, haben auch nicht vor Einrichtungen für geistig behinderte Kinder und Erwachsene Halt gemacht, untergebracht, egal welcher Konfession angeschlossener Häuser oder Kirchen.Behinderte die in der Regel unfähig waren Worte zu finden und es immer noch sind, leiden ebenso,Wortlos,im Hier und Heute und keineswegs nicht nur im Geheimen, sondern sehr wohl nach bekannt gewordenem Unrecht. Ein genaueres Hinsehen würde so manches Unrecht aus der Vergangenheit wieder auf die Tagesordnung bringen, zugleich aber auch das Geschehene und noch Geschehende keineswegs beenden. Früher waren nicht einmal z.T.wissende Angehörige in der Lage sich aufzulehnen, wie auch ? Konnte man dem doch „täglich überfordert arbeitenden Erzieher, der Schwester böse sein ? Was sollten sie auch tun die Angehörigen ? Ihre Pfleglinge wieder mit nach Hause nehmen und sich damit selbst in die Überforderung zurück begeben ? Hat sich daran bis Heute wirklich soviel geändert ? Sind Geschichten von bis zur Austrocknung ohne Flüssigkeitszufuhr nicht ebensolche Missbrauchsopfer ? Ob Pflege-Kinder- Altenheim ? Mißbrauch findet statt, täglich und ohne Unterbrechung. Solange sich die sozialen Hilfen nicht grundsätzlich ändern, solange sind Täter in der mächtigeren Position. Übrigens meine ich mit Tätern nicht zwingend die Einzelnen, ob Pfleger, Erzieher, Lehrer oder Priester. Ich meine jede Institution, die im Wesentlichen alternativlos und monopolistisch genau diese Lücken schließen sollen, ja auch schließen wollen, die aus gesellschaftlichen Verknappungen eher größer werden.
    Längst ist Erziehung und Sozialarbeit ein ungeheuer großer Markt geworden und dies betrifft auch die Kirchen mit all ihren Verschleierungen. Der sich schuldig fühlende Gläubige wird zum Opfer, unweigerlich und er schweigt und schweigt.
    Gewalt die öffentlich wird, die schadete schon immer dem Geschäft. Ja, ich schreibe bewußt Geschäft. Gute Geschäfte bringen Kapital und Macht daher, egal ob für die private Schule einer christlichen Stiftung, oder den Stiftungen, die aus der Inneren Mission hervorgegangen sind, oder oder oder. Konkurenzgedanken kamen von den kirchlichen Diensten, den Platzhirschen wie Wohlfahrten, Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz etc. auf, als die ersten privaten Pflegedienste aufkamen, Konkurenzen, die nicht zuletzt dahin geführt haben, dass Betreuung mehr und mehr mit der Stoppuhr parallel ausgeführt werden. Auch Futterneid war die Ursache der jetzigen Verhältnisse. Ja, vielleicht vermische ich da etwas, vielleicht werde ich sogar unsachlich, aber sind nicht gerade solche Verhältnisse die Nährböden für versteckte Gewalt, Kungeleien, Geheimhaltungen ?
    Hilflosigkeit ? Resignation ? Oder schlicht und einfach die grausame Wirklichkeit ?
    Was für eine leichte Ausgangsbasis für Täter um unentdeckt zu bleiben und falls doch, ohne Konsequenzen ein Weiter wie bisher praktizieren zu können ?
    Allein in Deutschland kommen Jahr für Jahr mindestens 3000 sexuelle Gewalttaten zur Anzeige, die Dunkelziffer wäre zu schätzen.
    Wer und Was könnte gegensteuern ? Wie ? Ja, Resignation ist da dicht bei mir, sehr dicht sogar.

Kommentare sind geschlossen.