So finster die Nacht

Oskar lebt in einer Trabantenstadt von Stockholm. Blackeberg ist 1982 ein trostloser Ort für einen 12jährigen. Der schwedische Winter taucht das eintönige Grau der Plattenbauten in ein fahles Licht. Oskar ist ein schüchterner schmächtiger aber intelligenter Junge, dessen besonderes Interesse Kriminalfällen gilt. Seine zurückhaltende Art macht ihn in der Schule zum Außenseiter der von drei Klassenkameraden regelmäßig getriezt und physisch attakiert wird. Gegenüber seiner alleinerziehenden Mutter weiß er das alles gut zu verbergen.

So finster die Nacht; Oskar

Etwas regt sich in Oskar. Die ewigen Schikanen in und nach der Schule sind der Nährstoff seiner unterdrückten Wut. Noch traut er sich nur das Messer heimlich herauszuholen, das er unter seinem Bett versteckt. Wenn er es im Hof in einen Baum rammt, dann schreit er den Stamm mit denselben Worten an wie seine Peiniger ihn. Doch Oskar wehrt sich weiterhin nicht.

Allein in der Dunkelheit des schneebedeckten Innenhofes des Wohnblocks bekommt er eines abends Gesellschaft. Eli ist wenige Tage zuvor erst nachts mit dem älteren Håkan in die Wohnung nebenan eingezogen. Eli trägt keine Schuhe und keine Jacke, doch kalt ist ihr nicht. Sie spricht mit Oskar und hört ihm zu und beide sehen sich bald regelmäßig, abends nach der Schule und nachdem Oskar getriezt wurde. Manchmal riecht Eli seltsam, aber die Bande zwischen dem Außenseiter und der unscheinbaren Fremden mit den großen Augen ist geknüpft.

So finster die Nacht; Eli

Erst mit der Zeit und nach einigen Vorfällen in Blackeberg lernt Oskar Eli wirklich kennen. Dass sie sich von Süßigkeiten übergeben muss, dass sie stets fragt ob sie eintreten darf, ehe sie Oskars (oder irgendjemandem seine) Wohnung und Zimmer betritt, selbst dass sie von außen durch das Fenster kommt lässt seine Alarmglocken nicht schrillen. An jenem Abend darf er sie nicht ansehen. Sie schlüpft unter seine Decke und schmiegt sich von hinten an ihn an. Ob sie mit ihm gehen möchte? Sie wissen beide nicht was das bedeutet. Ob Oskar das auch wollen würde, wenn sie kein richtiges Mädchen sei? Er bejaht. Sie gehen miteinander. Am nächsten Morgen ist sie fort. In dieser Nacht hatte die kleine zierliche Eli mit den endlos tiefen Augen brutal einen Menschen ausgesaugt und getötet.

So finster die Nacht; Eli und Oskar

Erst als Oskar sein Messer erstmals nutzt, Blutsbrüderschaft schließen will, kann Eli nicht an sich halten und stürzt sich auf das zu Boden getropfte Blut. Jetzt erkennt Oskar ihre wahre Natur…

Anmerkungen und Wirkung

Mit „So finster die Nacht“ kam bereits am 23. Dezember 2008 ein skandinavischer Film in die hiesigen Kinos. Die Verfilmung der gleichnamigen Romanvorlage wurde bis dahin bereits mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht – ungewöhnlich für einen schwedischen Film. Nicht unbeachtet hat Hollywood bereits angekündigt den Film 2010 neu auflegen zu wollen. Ich bezweifle, dass dabei etwas besseres herauskommen wird.

Er ist kein Horror-Film, schon gar kein Vampirfilm wie es sie bereits zuhauf gab. Die detailgetreue Umsetzung des Buches (lediglich einige Sideplots fielen der Schere zum Opfer) besticht mit einer fesselnd dichten Atmosphäre. Es ist die Art von Film in die ich versinke. Wenn ich abends im Kino oder daheim bin, alles Licht lösche und ganz eintauchen kann, dann ist der Film für mich wahrhaft gelungen.

Schneeweiße Landschaften und das im fahlen Licht fast schwarze Blut, nur im Kunstlicht einer Lampe als roter Kontrast zu erkennen. Die Nähe zweier verwandter und doch so unterschiedlichen Seelen in dem introvertierten Punching Ball Oskar und der zerbrechlich wirkenden, aber mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Eli. Die Unschuld zwei Kinder und die Schuld eines Wesens das wenn hungrig zur erbarmungslosen Bestie wird. Die Ruhe vieler langer Einstellungen unterbrochen von kurzen Ausbrüchen bizarrer Gewalt – nicht der Gewalt willen, sondern ohne Wertung nur betrachtend. Die Nähe und Zuneigung zweier die sich gefunden haben und die tiefen weiten Abgründe zwischen ihnen.

So finster die Nacht; Eli der Vampir

In langen Einstellungen kriecht die Melancholie der Bilder und Geschichte in den Zuschauer hinein. Es fällt schwer nicht mit dem drangsalierten Jungen zu sympathisieren und noch schwerer diesem auf seine Art unwiderstehlichen Mädchen, das wahrhaftig so viel älter als 12 Jahre ist, nicht zu vergeben. Sie ist was sie ist. Sie handelt ihrer Natur entsprechend um zu überleben, jedes Mal nachher dem inneren Konflikt und der Schuld ausgesetzt. Sie ergänzen sich, denn sie sind beide trotz ihrer Verschiedenheit sehr ähnlich durch ihre Verletzlichkeit. In Elis Augen stehen viele Opfer die ihr Weiterleben sicherten und das Leid das sie brachte und nach jedem Opfer selbst verspürte.

Die Geschichte ist auch eine Romanze. Doch Oskar und Eli sind beide zu einer Zeit 12 Jahre, als man noch völlig unschuldig romantisch sein konnte. So ist es zarter als eine Liebesgeschichte, es ist eine tief empfundene Freundschaft und Zuneigung.

Persönlicher Bezug

Den Film sah ich vor ziemlich genau 24 Stunden. Nach dem Film herrschte Stille und Dunkelheit. Noch den ganzen Tag drehte ich überall das Radio den Fernseher aus oder zumindest deutlich herunter und mied Geräusche. Es war stockfinster und ruhig um 1 Uhr nachts und ebenso ruhig und erfüllt von Dunkelheit fühlte auch ich mich – zusammen mit diesem Druck und dem Ziehen in meiner Körpermitte. Die Melancholie des Films, die Sehnsucht nach dieser einen verwandten Seele mit der die Nähe kommt, die Worte überflüssig macht und die fern von Leidenschaft ist, ein paar Parallelen zu meiner Jugend (nur dass ich nie drangsaliert wurde und Freunde hatte) – der Geschmack von all diesem kommt hoch und lässt mich derzeit noch nicht wieder los.

Wenn meine Eli nebenan einziehen und blutverschmiert von außen an mein Fenster klopfen würde, ich würde sie herein bitten.

Kritiken

Zu keinem Film habe ich im Anschluss mehr (und dabei beileibe nicht alle) Filmkritken gelesen und möchte euch die drei, die mir am besten gefallen ebenso ans Herz legen. Keine Bange, die drei enthalten keine Spoiler:

Hard Facts

Titel: So finster die Nacht
Originaltitel:
Låt den rätte komma in (Lass den Richtigen herein)
Regie:
Tomas Alfredson
Buch und Drehbuch:
John Ajvide Lindqvist
Erscheinungsjahr:
2008
Länge:
114 Min.
FSK 16

Darsteller:

  • Kåre Hedebrant als Oskar
  • Lina Leandersson als Eli
  • Per Ragnar als Håkan

P.S.

Die DVD erscheint am 20. Mai 2009 und ist von mir schon geordert. Ebenfalls geordert wird das Buch, das hier und da noch etwas mehr zu erzählen weiß als der Film.

Kommentare (4)

  1. Sodele, habe mir gerade das Buch gekauft. Nun brauche ich nur noch viel Zeit für alle Bücher die derzeit bei mir auf Halde liegen.

  2. Dein Kommentar trifft die Sache auf den Punkt – ich hätte wohl so gut wie wortwörtlich das Selbe geschrieben. Und wie du habe ich das Web nach Meinungen und Kritiken durchforstet, wie zu keinem anderen Film zuvor. Ich wollte sehen, wie andere Leute auf den Film reagierten, ob sie ihn auch an sich heranlassen wollten oder ob sie letztendlich dem Oberflächlichen verhaftet blieben. Leider musste ich feststellen, dass meist letzteres der Fall war – auch bei den positiven Kritiken. Einen solchen Film darf man einfach nicht analytisch angehen, nicht krampfhaft mitdenken wollen, man muss ihn absorbieren und in sich aufnehmen, nur dann entfaltet er die gewünschte Wirkung.

    Das Buch hat mir insgesamt auch zugesagt, aber ehrlich gesagt empfand ich es im Nachhinein zu überfrachtet und ausführlich in seinen Schilderungen, so spannend die Geschichte auch aufzezogen ist. Man erfährt Dinge, die zwar interessant zu wissen und dem Gewohnheitsleser wie auch -Filmgucker wichtig sind, aber die romantypischen Details töten meist den Mythos, der die Charaktere umgibt und machen sie wieder oberflächlich. Die elliptische Erzählweise von Kurzgeschichten sagt mir einfach mehr zu. Und wie eine schöne Kurzgeschichte wirkt auch der Film auf mich, eine Kurzgeschichte, erzählt in langen, ruhigen Bildern.

  3. hmm..der film ist ohne zweifel ein meisterstück. gewalt und brutalität in einklang mit sehnsucht, zärtlichkeit und liebe.

    ja,ich denke die meisten würden eli hereinbitten, an des jungen stelle zumindestens. ein wenig erschreckend wie schnell man für ein geschöpf des todes sypmathie empfindet, wenn es nebenbei charakterzüge und ein schönes äusseres hat.findet ihr nicht?

    ich werde mir das buch warscheinlich auch kaufen,nachdem ich nun den film sah. überwiegend aus interesse an elis vergangenheit und anderen offenen fragen.

    die frage wieso der autor sie androgyn erschuf, und wieso dieser punkt nirgends diskutiert wird, ist da wohl die größte. sie sagt im film mehrmals das sie kein mädchen sei. und ich bezweifle das sie damit ihr Vampierdasein meint, aufgrund einer gewissen szene.

    gut möglich dass das schleierhafte und mysteriöse der geschichte dadurch zerstört wird,evil wraith. aber ich mag nunmal nicht unvollendete dinge, besonders wenn es um solche abstrakte figuren geht die den geißsteszustand des autors in frage stellen.^^

  4. Ich habe das Buch 2010 auf einem Bücherflohmarkt gekaut, so wie ich es immer mache. Das war Fluch und Segen zugleich.
    Segen deshalb weil mir die Figuren und die Geschicht bis heute nicht aus dem Kopf geht. Fluch eben drum.
    Damit ich endlich diesen Kopf-Ohrwurm loswerde habe ich einen Fanpage ins Netz gestellt (www.So-finster-die-Nacht.de). Es ist zwar besser geworden aber noch nicht vorbei.
    Alle die von der Geschicht infiziert sind lade ich hiermit ein.

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