Fitness: 6 kg in 6 Wochen

Vom dünnen Hering zum fetten A(a)l

Im Januar bin ich 30 geworden. Von der Realschulzeit bis ich nach dem Grundwehrdienst daheim auszog war ich immer ein dünner Hering, anfangs sogar immer der kleinste in der Klasse. Später holte ich in der Länge auf und bin bis heute bei 184cm geblieben. Gewogen habe ich vor, während und nach meiner Bundeswehrzeit immer um die 70 kg, meist sogar weniger. Als ich anfing mich selbst zu bekochen änderte sich dies. Langsam aber sicher wurde ich mehr, mit 22 erreichte ich schon die 80 kg.

Dann fing ich an nur noch mit dem Auto zu fahren und körperliche Aktivität hieß in erster Linie einmal vom Eingang vom real.-, hinten zu den Kühltheken mit den Molkereiprodukten, zur Kasse und wieder zurück. Im Büro saß ich, im Auto saß ich, daheim saß ich auch. Ab und an gab es kurze Versuche zu Joggen, aber nach dem Winter beim ersten Sonnenschein anzufangen brachte einen schnell aus der Puste. Meine Kondition war nie besser als beim Bund (ich musste ja nicht viel Masse durch die Wälder scheuchen).

Naja, im Januar bin ich eben 30 geworden. Mittlerweile fallen selbst mir, durch meine morgens verquollenen Augen, die vielen grauen Haare auf. Vor 2 Jahren nach einem üblen Sturz und nem Besuch beim Knochendoktor, der mich wieder zurechtrückte, kam beim Röntgen raus, dass meine Wirbelsäule im Lenden- / Bauchbereich einen üblen Bogen fährt und auch vertikal verdreht ist. Diagnose: Skoliose

Naja, ist ne weit verbreitete Sache und für sich genommen in meinem Fall auch nicht so schlimm, dass man ständig Probleme hätte. Aber mit ihr geht eine gewisse Anfälligkeit einher und zusammen mit meiner unterentwickelten Muskulatur dank dem vielen Sitzen, mangelnder Bewegung und bler Körperhaltung, ist abzusehen, dass das später mal einiges an Ärger anch sich ziehen kann.

Erwähnte ich, dass ich im Januar 30 geworden bin? Naja, so ist es nunmal. Die 20 kg, die ich in den 10 Jahren zugenommen habe, davpn dürfte das wenigste auf funktionelle Masse verfallen. Deutlicher Bauchansatz und Doppelkinn. Das passt hervorragend zu blöder Körperhaltung und Stachelbeerbeinen.

Ch-ch-changes (David Bowie)

Vor, ähm, 2 Monaten und ein bischen kam André auf mich zu. Er hatte sich nach Recherchen und Tests etwa drei wochen zuvor für ein Fitnessstudio entschieden und kann Donnerstags wen als Gast mitnehmen. „Fitnessstudio…“, danchte ich. Der saure Geruch von altem Schweiß, Bollos die vor Kraft kaum gehen können… Nunja, ich sagte kurzentschlossen zu, mitzukommen. Ich dachte es sei an der Zeit mir meine Vorurteile entweder bestätigen zu lassen oder sie ad acta zu legen. André zeigte mir, was er so für Übungen machte, ich probierte etwas rum. Ich probierte noch den Cross-Trainer aus – genau 8.5 Minuten. Dann war ich fertig mit der Welt. Blutzucker weg. Blutdruck weg. Den ganzen Tag nichts gegessen. Tolle Idee, Alex!

Obwohl oder vielleicht gerade weil in dieser Situation meine Wahrnehmung nicht die beste war, habe ich mal nen Termin zur Vermessung für den folgenden Montag mit dem Leiter des Studios, dem Georg, ausgemacht.  Die Leute waren alle bunt gemischt. Jung und alt, zu dünn, zu dick, sportlich und unsportlich, drahtig und muskulös, Männlein und Weiblein. „Vermessung? Hä!?“, höre ich da Leute sagen. Jap, genau. Die haben so ne raffetückische Sache, nennt sich Medi-Mouse. Eine Art zu groß geratene kabellose Computermaus. Mit der fährt der Georg einem vom Hals bis zum Steiß die Wirbelsäule ab, während man verschiedene Körperhaltungen (locker stehend, nach vorn gebeugt, nach hinten gebeugt, nach links gebeugt, nach rechts gebeugt, stehend mit Gewicht in den Händen der ausgestreckten Arme) einnimmt. Dabei macht es sekündlich Unmengen an dreidimensionalen Positionsbestimmungen und sendet sie an Georgs Notebook. Die Software überträgt die Daten auf ein 3D-Modell der Wirbelsäule und schwupps kann man sich seine Wirbelsäule mal live in 3D ansehen.

Ist sehr beeindruckend was man da sieht. Ich glaube wir sind die Daten eine halbe bis eine dreiviertel Stunde durchgegangen. Man sieht genau die Verbiegung und Verdrehung der Wirbelsäule (O-Ton Georg: „Ich habe noch nie so eine perfekte Wirbelsäule zu sehen bekommen, wie sie da hinter mir als Schaubild an der Wand hängt.“), die Verschiebung der Wirbel in der Horizontalen, sieht genau wo Bewegung stattfindet und wo nicht. Anhand von festen Daten wird abgeglichen in welchen Bereichen die Abweichungen von der Idealfall aus dem Unbedenklichen rausgehen.

In meinem Fall war gut zu sehen, dass die Halswirbel nach vorne geschoben sind. Georg nennt das den Schildkrötenhals. Meine Skoliose kann man anders als auf dem alten Röntgenfoto von meinem Becken bis hoch zu einem Brustwirbel verfolgen. Deutlich kann man erkennen, dass meine Wirbel in Gruppen unterteilt fest zueinander stehen. Es sieht echt aus, als hätte ich drei Gelenke im Rücken anstatt einer Wirbeläsule. Ganz unten machte Georg ein Abstand stutzig, wo er direkt meinte, da müsse ich mal was abbekommen haben, denn das könne in der Ausprägung kaum von alleine entstanden sein. Interessant, denn von meinem Sturz mit Schwung auf der Steintreppe auf meinen  Steiß hatte ich ihm gar nichts erzählt.

Anhand dessen was Georg an mir mit bloßem Auge und diesen Daten sehen konnte, hat er mir ein zunächst 6 Punkte umfassendes Trainignsprogramm zusammengestellt, dass gezielt muskuläre Defizite beheben soll, um meine Haltung zu verbessern und die Fehlstellungen zu korrigieren. Dazu wird einem jede Übung haarklein erklärt. Hinterher weiß man genau welche Haltung man einnehmen soll, wo man was spüren sollte, wozu die Übung gut ist, welche Fehler man typischerweise macht und worauf man daher achten sollte und und und. Und wenn man dann alleine auf die Geräte und sich selbst losgelassen wird, dann ist immer irgendwo ausgebildetes Fachpersonal (im Kontrast zu irgendeiner Billig-Muckibude) und schaut und kommt vorbei, wenn sie was anzumerken hat, beantwortet Fragen oder lobt einen, wenn mans gut hinbekommt.

Und die 90 kg?

Ach ja, da war ja noch was. Als Trainingstage habe ich mir recht sponatn und passend Mo, Mi und Fr ausgesucht. Klar, ich kann kommen, wann ich will, aber es schadet nicht Fixpunkte zu haben. Da kann sich auch der Chef denken, wann man mal relativ pünktlich Feierabend macht und sowieso sollte man zwei-, besser dreimal die Woche mindestens trainieren und ein tag Pause dazwischen sollte auch sein, weil die Regenerationszeit gebraucht wird um die Muskeln aufzubauen und die Müdigkeit aus den Gliedern zu vertreiben.

Ich fahre also in der Regel so zwsichen 18 und 19 Uhr ins Studio, ziehe mich um und radle mich erstmal 10 Minuten lang war. Anfangs hab ich bei Stufe 6 von 14 auf dem Drahtesel bei etwas über 72 U/min schon gestöhnt und die ersten drei oder vier Male bin ich dann wie auf Eiern die Treppe runter zu meinen Trainingsstationen. Nachm Training als Pflicht folgte dann meine Kür auf dem Rad (Crosser ist mir nix, ich komme da mit dem Bewegungsablauf voll nicht klar, fühlt sich einfach voll doof an). Anfangs war ich froh ne halbe Stunde durchzuhalten, Stufe 6, um die 70 Umdrehungen… Dann ging es besser. Stufe 7. Hm.. wenn ich schneller trete, fühlt es sich einfacher an…

Mittlerweile mache ich mich auf 9 warm, bei etwa 95 bis 100 U/min. Ist nichtmal was dolles, eben nur Warmlaufen, kein Wettrennen. Nach den Übungen fahre ich meist noch 60 Minuten. Ausdauer- oder Hügelprogramm, Stufe 11 von 14, im Schnitt über 90 Touren. In der Spitze zieht das ziemlich, aber ekliger ist es, wenn danach mal bergab kommt, die Spannung etwas nachlässt – eklig! ;-)

So ne Stunde verbrennt rund 650 kcal. Zwischendurch gabs Ernährungsberatung beim Georg, so die kleinen Tricks und Kniffe, ein paar Zusammenhänge verdeutlicht. Letzten Donnerstag war ich außer der Reihe da, um noch 4 neue Übungen zu bekommen, danach war noch ein Ernährungsvortrag von Dr. Marc „Der Dicke“ Warnecke, seines Zeichens mit damals 35 Lenzen ältesters Schwimmrekordler von Welt.

Am 4. April fragte André Georg mal, ob man den Körperfettanteil mal messen könne. Die Waage im Studio (ich besitze selbst keine, wll auch keine) sagte 90 kg. Das Messgerät maß 17.8% Körperfett. Lassen wir mal die Messmethode und den Wert als solches einfach so stehen und vergleichen mit heute, denn heute ließ ich nochmal messen. 84 kg auf derselben Waage, 13.7% mit demselben Messgerät. Keine Ahnugn wie genau das Gerät den Gesamtkörperfettanteil bestimmen kann, aber die Vergleiche der Messwerte zeigen ja mal ne deutliche Tendenz und bestätigen die Eindrücke die ich und Georg so haben. Ich merks ja bei den Übungen, wo ich mittlerweile mehr Gewicht drauf habe oder bei den Übungen ohne Geräte länger oder öfter kann. Ich merks auch beim Radeln, dass ich den Schwierigkeitsgrad peu a peu hochsetzen kann, oder über die Distanz mehr Tempo gehen kann. Das Doppelkinn ist so gut wie futsch, der Bauch viel flacher, darunter hat sich auch einiges getan und die Beine sind hart wie Krupp-Stahl….

Er macht Diät

Nein, mache ich nicht. Oder eigentlich schon, weil Diät im griechischen Wortursprung „Lebensweise“ heißt (Georg, selber Grieche, erzählt das gerne und ich habs zur Sicherheit mal nachgeschlagen). Ich fühle mich viel besser (das alleine ist es schon abseits aller Zahlen wert), ich bin mir bewusst wann ich was und wieviel gegessen habe und koche auch anders. Ich verstehe einige Zusammenhänge besser. Die meisten kannte ich schon, aber es hilft sie ab und an mal kurzweilig vor Augen geführt zu bekommen und das Große Ganze zu sehen.

Meine Kaffee trinke ich schon beinahe das ganze Jahr mit Süßstoff. Man gewöhnt sich an den Geschmack. Ebenso lange gibts Cola nur in Zero oder Max oder Light mit grünem Tee, aber meistens isses einfach Mineralwasser. Beim Kochen tun es auch fettreduzierte Sachen und  zwar um Fett zu reduzieren, nicht um die Menge zu erhöhen und so den Effekt zunichte zu machen. Mein Essrhythmus ist anders. Ich esse öfter und über den Tag verteilt, vermide es Hungergefühl aufkommen zu lassen. Ich muss nicht mehr alles Aufessen, nur weil es da ist. Aufläufe, Lasagnen & Co. enthalten nun viel mehr Gemüse, ich meide versteckte Zucker (ich bin eh kein Fan von Süßigkeiten) und Fette (diverser Aufschnitt, Rostbratwurst und so).

Er lebt in Askese

Nee, voll nicht! Als die ersten Sonnenstrahlen kamen, haben wir bei meinem Bruder gegrillt. Dazu gabs lecker Bier (225 kcal pro Flasche, heißt es). Vor drei Wochen am Samstag habsch bei Schwester und Schwager gegrillt, ebenfalls mit Bier. Vorletztes Wochenende war großes Grillgelage. Ich habe gefressen wie ein Schwein (auch zwei Rostbratwürste waren dabei, daneben viel marinierte Putenbrust, viel marinierte Schweineschnitzel) und über den Tag verteilt in etwa ein halber Kasten Bier (fragt mich nicht, wie es mir den Tag drauf ging). Derzeit sind Playoffs in der NHL und es war Eishockey WM, das ist bei mir gleichbedeutend mit Chips- und Riffles-Zwang! Dazwischen gibts auf der Arbeit auch mal nen Dönerteller. Da lasse ich aber mittlerweile das Extra-Brot stehen und überhaupt esse ich den schon lange viel lieber mit Reis als mit Fritten. Ich war nie ein großer Pommes-Fan.

Zwischendurch mal ein Salat, finde ich durchaus lecker. Schafskäse gibts auch fettreduziert (48% sind nämlich ne Hausnummer) und überhaupt mal hier und da draufgeschaut was drin ist schadet nicht. Man muss nicht kalorien zählen, aber vielleicht mal wieder ein Gefühl dafür bekommen wieviele wo drin ist und sich Sachen suchen die sättigen (nicht vollstopfen) ohne einen mehrere Tagesbedarfe an Kalorien zuzuführen.

Dass ich dennoch 6 kg abgenommen habe, überrascht mich selbst. Ich denke aber da kommt nicht mehr so viel nach. Da ist noch Speck der weg kann, aber eher denke ich wird die Waage wieder nach oben gehen, wenn sich langsam aber sicher die Muskeln aufbauen. Ab und an mal ein hochwertiger Low-Carb Proteinshake nach dem Training als Ersatz für die Mahlzeit (Hunger hatte ich nach dem Training meist eh nicht, wenn ich davor clever gegessen hatte) und Georgs Geheimtipp: Kartoffeln mit Ei!

Ich stolperte mal im Web darüber: 1 Ei auf 500 g Kartoffeln und der Eiweißmix zusammen bringts auf eine biologische Wertigkeit von 127. Okay, bei mir werden es gerne mehr Eier. Ich liebe nämlich Bratkartoffeln – natürlich jetzt ohne oder mit weniger und magererem Speck und mit wenig aber hochwertigem Fett (Sonnenblumenöl oder so).

Also heilig bin ich nicht, verzichten tu ich auch nicht. Ich genieße das Essen sogar viel mehr. Esist nun nicht mehr nur das Hineinschaufeln von Futter, sondern weil man sich damit beschäftigt hat, machts auch mehr Spaß und schmeckt besser. Und gerade weil ich ja was tue, kann ich mit gutem Gewissen mal die Riffles-Tüte aufreißen und einen nach dem anderen dieser leckeren Dinger mit Peperoni-Aroma genießen.

Der Preis ist heiß

Bei den Grabbeltisch-Fitness-Angeboten kommt man nur wenige hundert Meter weiter mit nem Zwanni im Monat aus. Unter nem Fuffi geht bei mir (je nach Vertragsdauer) nix. Sprit und erhöhtes Waschvolumen kommen natürlich dazu, auch Getränke oder Getränke-Flatrate (€14 im Monat). Aber was ich dafür bekomme ist ungleich mehr wert. Nach gerade mal knapp über zwei Monaten ist der Wohlfühlfaktor deutlich gestiegen und lässt sich teils auch quantifizieren. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass Schwitzen im Studio (auch wenns draußen heiß und sonnig ist) so viel Spaß macht.

Linktipps

Kommentare (9)

  1. Danke, dass du meinen Körperfettanteil rausgelassen hast :)

    Und über die Gemüselasagne mit Büffelmozarella sag ich auch mal nix. ;)

  2. Ich schrub ja, dass ich kein Asket sei :D Funktioniert ja dennoch. Die Mischung machts.

    Und was deinen Körperfettanteil angeht, fand ich die 19.8% jetzt nicht so erwähnenswert…

  3. schmecken aber auch, esse ja sonst würste und Fleisch lieber ohne Fritten :) also pur :)

  4. Ich habe zu Cajun Fries noch nie Mayo gegessen und Ketchup verwende ich bestenfalls beim Grillen. BBQ-Sauce stand nicht zur Auswahl.

  5. Und? Das ist jetzt schon knapp 2 Jahre her, wie steht’s jetzt um dein Wohlgefühl?
    Das Medivital interessiert mich sehr. Damals als es das „Move“ noch gab und als es noch nicht so überfüllt war, bin ich da gerne hingegangen und kann deine oben beschriebenen Erfahrungen halbwegs nachvollziehen.
    Ich habs später mit der Fitness Company versucht und muss sagen, das war das teuerste Handtuch meines Lebens. Viel zu ungemütlich und die von dir angesprochenen „Bollos“ hatten da teilweise ne Wohnung in dem ding.
    Seitdem hab ich so nen Schuppen nicht mehr von innen gesehen…

  6. Vermutlich wäre es ums Wohlgefühl besser gestellt, wenn ich wieder hingehen würde. Zwischenzeitlich hat mich der Sprung in die Selbständigkeit aus dem Tritt gebracht. Ich hatte dann nochmal nen Anlauf unternommen, aber mit der nächsten Stressphase hatte es sich dann wieder erledigt.

    Ein Freund von mir ist noch regelmäßig dort, berichtet von neuen tollen Geräten, neuem Personal, etc. Ich muss derweil zusehen mal wieder die notwendige Ruhe und Motivation zusammen zu bekommen.

    Selbstredend habe ich die 10 kg, die ich seinerzeit losgeworden bin und diejenigen, die ich umgewandelt hatte, mittlerweile in etwa wieder drauf. Die Kiste mit dem Arsch voll Kartoffelchips, die ein Kunde mir zu Weihnachten schickte, tat ihr übriges :D

    Ich mache nun schrittweise Fortschritte, denke öfter mal beim Essen nach und benutze das Auto viel weniger, nun wo ich innentadtnah wohne. Wird schon werden… :D

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