21 Jahre in einem Tag – Playoffs in Iserlohn

Je mehr ich mich emotional involviert fühle, desto weniger gerne spreche ich über Eishockeyspiele. Ist das Spiel vorbei, ist der Drops gelutscht, der Käse gegessen, der Zug abgefahren; dann gilt der Fokus dem nächsten Spiel. Wenn ich nun also etwas zum gestrigen Spiel der Iserlohn Roosters schreibe, dann weil das Spiel eine besondere Bedeutung hat und diese lässt sich auch statistisch belegen:

  • nach 21 Jahren steht erstmals wieder eine Iserlohner Mannschaft in den Playoffs der höchsten deutschen Spielklasse im Eishockey
  • mit Robert Hock haben die Roosters einen Teamkapitän, der erstmals seit Mark McKay (Schwenningen) 1998 als Deutscher DEL-Topskorer wurde
  • Michael Wolf wurde mit 44 Treffern in der Hauptrunde als erster Deutscher seit Dieter Hegen (Düsseldorf) 1992 Toptorjäger und stellte einen neuen Rekord für einen deutschen Spieler auf
  • zum ersten Mal seit Dieter Hegen und Gerd Trunschka (Düsseldorf) 1992 belegten zwei Deutsche die ersten Plätze bei den Skorern und Torjägern
  • das erste Playoff-Heimspiel der Roosters war innerhalb eines Abends ausverkauft

Bereits im Vorfeld war also jedem anhand der Zahlen, Daten und Fakten klar, dass dies eine ganz besondere Saison nicht nur für die Roosters und Iserlohn, sondern auch für die Spieler und Eishockey-Deutschland ist. Das konnte man auch allerorten spüren, denn „Hockey is all around“ hieß es die letzten Wochen. Egal wo man hinkam, die Roosters waren Thema Nummer 1; egal ob Verwandte, Freunde, Bekannte oder Kunden, früher oder später ging es in jedem Gespräch auch um Hockey.  Menschen die nie viel mit Hockey zu tun hatten, begannen aufmerksam alle Zeitungsartikel mehrfach zu lesen; jeder erkundigte sich ob und wie er noch an Karten kommen könne, reihenweise flatterten Arbeitgeber Urlaubsanträge ins Büro.

Im Gefühl dieses Ausnahmezustandes machten wir uns auch Dienstag auf den Weg nach Frankfurt, zum ersten Spiel der Serie. Die einen hatten Semesterferien, die anderen hatten wenigstens einen halben Tag Urlaub genommen. Dass Spiel 1 trotz später 3:1 Führung der Roosters in der 3. Minute der ersten Verlängerung an die Gastgeber ging, konnte aller guter Stimmung und Euphorie keinen Abbruch tun. Frankfurter Fans versuchten Iserlohner Fans zu trösten, die ihrerseits nicht im geringsten traurig waren, präsentierte sich ihr Team doch physisch und psychisch in hervorragender Form und blieb kein Zweifel daran, dass diese erste Serie im Modus Best-of-Seven (wer zuerst 4 Siege einfährt kommt weiter) für die Iserlohner machbar ist. Indiz hierfür ist einmal mehr die Statistik, gewannen die Iserlohner doch alle vier Hauptrundenspiele gegen die Hessen.

Ausnahmezustand dann auch zwei Tage später beim Rückspiel in Iserlohn. Eine halbe Stunde eher als gewöhnlich öffnete die Eishalle ihre Pforten und schon in den ersten Minuten waren alle Stammplätze belegt. Auch beim Bezahlsender Premiere  hatte man verstanden, dass dies nicht einfach nur ein Viertelfinalspiel ist und wählte für den gestrigen Tag die Partie Roosters – Lions zur Übertragung aus, was besonders den verhinderten und ohne Karte zurückgelassenen Fans nochmal eine Chance gab ihrem Team nahe zu sein.

Niemand sollte enttäuscht werden, führten beide Teams bei prächtiger Stimmung eine intensive und ausgeglichene Partie, in der immer wieder beide Torhüter im Mittelpunkt standen. Als es nach der regulären Spielzeit 2:2 stand erreichte die Spannung ihren Höhepunkt und dieser sollte noch lange anhalten. Wie in Nordamerika üblich ist ein unentschiedenes Playoffspiel ab dieser Saison erst dann beendet, wenn ein Team in der Verlängerung trifft. Dazu werden zusätzliche „Drittel“ á 20 Minuten Nettospielzeit angehängt, soviele eben nötig sind.

Die Spannung war unerträglich. Jeder Scheibenverlust, jeder Fehlpass, jeder Schuss aufs Tor wurde von mir unbewusst mit einem Stöhnen, Pfeifen oder Schreien begleitet. Jede noch so kleine Aktion konnte die Entscheidung herbeiführen und so war es mitunter auch schwer sein Team als Fan zu unterstützen, weil die eigene innere Anspannung einen lähmte. In der dritten Overtime, also dem bereits 6. Drittel, hielt es auch auf den Sitzplätzen und in den VIP-Bereichen niemanden mehr auf den Sitzen. Die ganze Halle stand fieberte, sang und klatschte durch Über- und Unterzahlsituationen, Fouls und Beinahe-Toren auf beiden Seiten.

Als kurz vor Ende von Drittel 6 Karen meinte „Ich kann nicht mehr.“, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass sie es diesmal Ernst meinte. 2 Stunden vor Spielbeginn hatten wir unsere Stehplätze eingenommen; das war nun bald 7 Stunden her. Den Blick weiter aufs Eis gerichtet beugte ich mich vor und sprach ihr den Satz „Es ist gleich zu Ende.“ ins Ohr. Es war so ein ganz eigener privater Moment, in dem man meint etwas zu sehen, was andere nicht wahrnehmen können. Für mich war es der Moment, wo unser Team vom Hockeygott angehaucht zu sein schien. Ich meinte sie seien plötzlich allesamt etwas spritziger und elanvoller als zuletzt. Im Grunde eine unwahrscheinliche Vorstellung, nachdem das Physioteam diverse Spieler schon wegen Krämpfen hatte behandeln müssen. Doch Sekunden nach meinen aufmunternden Worten war es eben diese Energie, die Hock und Ex-Frankfurter David Sulkovsky die Zeikämpfe an der Bande nochmal einen Tick energischer und konzentrierter führen ließ und es kam wie es kommen musste:

Bedrängt von Hock spielte ein Frankfurter die Scheibe im eigenen Drittel an die blaue Linie, doch Sulkovsky stand dazwischen, fing den Pass an der Bande ab und leitete auf den aus der Ecke zurückgeeilten Hock weiter. Dieser ging noch ein paar Schritte und tat, was er die letzten beiden Jahre so oft getan hatte und passte auf den herangeeilten Wolf. Dieser tat, was er ebenfalls in den Jahren so oft getan hatte und zog direkt ab mitten ins Herz der Lions!

Nach 117:45 gespielten Minuten war es niemand anderem als dem deutschen Toptorjäger der DEL und letztjährigen der WM Michael Wolf vorbehalten auf Vorlage von niemand anderem als dem deutschen Topskorer der DEL Robert Hock und dem Ex-Frankfurter (und mit ihnen Deutscher Meister) David Sulkovsky den ersten Playoff-Sieg am Karfreitag um 0:17 Uhr vor den Augen der hemischen Fans perfekt zu machen!

Es liest sich wie ein Bilderbuch-Märchen und es fühlt sich auch so an!

Für die einen war es der Moment, in dem es endlich vorbei war. So hörten wir in der Zusammenfassung der Radioübertragung später im Auto auch nicht etwa einen Schrei „Tor!!!“ oder „Sieg!!!“, sondern ein lautes und inbrünstiges „Es ist vorbei!!!!“. Während die Halle in dieser Sekunde aufsprang und alles sich wild umarmte, mit den Schals wedelte und abklatschte, stand ich einfach nur ganz still da, strahlte und hatte beide Arme zur Triumphgeste erhoben. Ich empfand keine Erleichterung und erst Recht keine Häme gegenüber dem Gegner, sondern einfach nur Freude über den Sieg in diesem bis dato längsten Spiel in der Geschichte des deutschen Eishockeys. Hinein mischt sich auch die Freude, nicht durch ein Kullertor gewonnen zu haben und dass es niemand anderem zu verdanken war, als einem sympathischen Flügelspieler der wegen Umstellungen nach einer Sperre gegen Kavanagh aus Spiel 1 in die erste Reihe rutschte, einem 35jährigen Topskorer und Teamleader, der die vergangenen Wochen wie ausgewechselt und in jedem Spiel besser zu werden scheint und ein bescheidener Mann mit außergewöhnlichem Torriecher, dem der ganze Rummel um seine Person unangenehm ist und der einfach nur in Ruhe seinen Job machen will.

Eine besondere Aktion beendet ein besonderes Spiel für ein besonderes Team in einer besonderen Saison.

Da springe selbst ich mal über meinen Schatten und blogge über ein Hockeyspiel.