Stephen King: Ka is a wheel – Die Saga um den Dunklen Turm

Ich halte den ersten Teil in Händen und er saugt mich förmlich in sich hinein.

Ich bin 14 Jahre jung und stehe vor dem Regal mit den Fantasy-Büchern. Ich war hier schon öfter zu Gast, obwohl ich erst jetzt mit meinem Erwachsenen-Bücherei-Ausweis offiziell Bücher aus diesem Bereich der Bücherei ausleihen darf. Nur einmal gab es Probleme, als ich Bücher ausleihen wollte, die aus der Erwachsenen-Bücherei stammten und an dem Tag hatte ich lediglich Sachbücher dabei und man ließ es bei dem Hinweis.

„Schwarz“, „Drei“ und „Tot“ fallen im Regal direkt auf. Sie stehen nebeneinander, sind teils abgegriffen und teils neu („Tot“ ist gerade erst erschienen) und das komplett schwarze, das pinke und das gelbe Cover der Paperbacks stechen wohltuend aus dem Einerlei der Buchrücken heraus und wecken meine Neugier. Ich lese die Klappentexte und mir wird gar nicht so recht bewusst, dass diese Bücher zusammen gehören. Ich leihe sie mir aus – es gibt wie immer keine Probleme – und starte daheim mit „Drei“, wo Roland am Strand von mutierten Riesenhummern („Dud-a-chum? Did-a-chick?„) verstümmelt wird und schwer verletzt und krank geheimnisvolle Türen erreicht und mit ihnen auch Einlass in unsere Welt findet.

So wie Roland, diese Figur wie aus einem Western von Sergio Lone, in unsere Welt eintritt und damit seine und die unsere verbindet, so trete auch ich in seine Welt ein und mache sie Stück für Stück zu einem Teil der meinen. Ich sitze allein in meinem Zimmer und verschlinge die Seiten, erst „Drei“, dann „Schwarz“, dann „Tot“. Roland ist kein Mann großer Worte. Er ist hart und auf seine Weise grausam. Was ihn vorantreibt ist sein Verlangen, sein Versprechen den Dunklen Turm zu finden, ihn zu betreten und bis zur Spitze empor zu steigen. Diesem Ziel ordnet er alles unter, während sich die Welt um ihn herum verändert und er alle diejenigen Menschen verliert, die ihm etwas bedeuten.

Stephen King - The Dark Tower

Er ist ein Einzelgänger, wie ich. Er vertraut niemandem und niemand kann ihm vertrauen, denn für sein Ziel bringt er jedes edenkliche Opfer. Perfekt zum Überleben und Töten ausgebildet durchstreift er eine Welt, die nicht so recht zu fassen ist. Vordergründig ist sie eine Spielart des Wilden Westens, eine Version unserer vergangenen Welt. Doch mehr und mehr dämmert, dass sie auch eine post-nukleare Version einer zukünftigen Version unserer Welt und zur gleichen Zeit ein Ort der Magie ist.

Ich begleite Roland durch sein Leben und seine Welt. Ich teile seine Einsamkeit ohne Bedauern für ihn oder mich. Ich bewundere seine Präzision, seine Disziplin, seine Zielstrebigkeit und seine Unbeugsamkeit, während seine Kühle und Härte mich gleichermßen abstößt wie fasziniert. Vielleicht möchte ich seine Eigenschaften zum Teil auch mir zu eigen machen.

Das Geschriebene fesselt mich und die Figuren sind so fantastisch wie fesselnd. King hat einen Hang dazu seine Charakterbeschreibungen weite Teile seiner Bücher füllen zu lassen und so ist es nicht schwer diesem Fremden nahezukommen, auch wenn man ihn nie wirklich erreichen wird.

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.„, beginnt die Saga in „Schwarz“. In meinem Zimmer singt Andrew Eldritch dazu:

And the devil in black dress watches over
My guardian angel walks away
Life is short and love is always over in the morning
Black wind come carry me far away

Es ist das Jahr in dem die „Sisters of Mercy“ das Album „Some Girls Wander By Mistake“ herausbringen, eine Sammlung früherer EPs. So wie die Gedanken an Roland, den Turm und seine Welt wird mich der Sound und werden mich die Texte von „Temple of Love (extended)“, „Heartland“, „Phantom“, … noch lange Zeit begleiten.

12 Jahre lagen zwischen der Fertigstellung des ersten Teils im Jahren 1970 und seiner Veröffentlichung. Nun sollte die Geschicht erneut ruhen. 9 Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung der ersten drei Bücher. Erst 5 Jahre nach dem dritten Teil sollte der vierte erscheinen. In der Zwischenzeit las ich noch so dies und das, doch begann ich bereits die Lust am Lesen zu verlieren. Neben immer neuer Fachliteratur schaffte ich nur noch einige andere Werke von Stephen King, doch schienen sie sich allesamt nur nur um das Eine zu drehen.

So begegnete ich dem Zauberer Marten in Kings „Die Augen des Drachen“, eine Art Märchen, welches im alten Indien spielt. Ich begegnete dem Mann in Schwarz als Randall Flagg in „The Stand – Das letzte Gefecht“, welches auch wunderbar als Prequel zu Sage um den dunklen Turm dienen könnte. Die Querverbindungen der Handlungsstränge und Personen ziehen sich durch noch viel mehr Bücher von Stephen King, von denen ich nur wenige je gelesen, andere als Filme gesehen habe, alles in allem rund eineinhalb Dutzend weitere Bücher, neben den 7 Teilen der Saga um den Dunklen Turm.

1997 machte ich mein Abitur in Hagen, wo ich in einem Bücherladen zufällig in der Ecke mit den englischen Büchern „Wizard and Glass“ fand – Teil 4. Ich schwenkte später auf die deutsche Ausgabe „Glas“ um, um noch später wiederum die englische Originalausgabe zu lesen. Wiederum folgte eine lange Zeit ohne Neuigkeiten. So wie King eine lange Zeit den Turm und Roland samt seines Ka-tet vergaß, vergaß auch ich, bis mir eines Abends 2001 das Blut in den Adern gefror, als es hieß, King habe einen schweren Autounfall gehabt und schwebe in Lebensgefahr. Es war sogar die Rede davon er sei tot.

Sollte die Saga um den Dunklen Turm unvollendet bleiben? Sollte „Glas“ das letzte sein, was wir erfahren würden? Die Geschichte um Rolands erste Aufgabe als Revolvermann und seine erste große Liebe, an Tragik kaum zu überbieten? Diese Fragen dürften auch Stephen King beschäftigt haben, während er sich erholte. Er war nun bereit nach über 30 Jahren zu beenden, was er als blutjunger Schriftsteller begonnen hatte. So wandte er sich wieder dem Turm zu, lauschte dem Singen der Rose und schrieb nieder, was er sah.

Innerhalb von nur zwei Jahren erschienen „Wolfsmond“, „Susannah“ und „Der Turm“. Letzteren las ich wieder im Orginal „The Dark Tower“. Mir kam erst zu Bewusstsein, dass King die Saga zu einem Ende gebracht hatte, als sie bereits zu Ende war. Vielleicht hatte ich vergessen mich zu kümmern, vielleicht war es mir egal, vielleicht wollte ich das Ende für mich hinauszögern. Als es soweit war, kaufte ich „Wolfsmond“ und „Susannah“ und begann wieder zu lesen. Ging es mit „Wolfsmond“ noch recht schnell, ließ ich mir mit „Susannah“ lange Zeit. Ein ungutes Gefühl stieg beim Lesen in mir hoch. Mit jeder Seite, die ich mir einverleibte, kam das Ende ein Stück näher. So sehr ich mich nach dem Ende sehnte um verstehen zu können, so sehr fürchtete ich mich davor, nicht weiter eintauchen, nicht mehr zu erfahren und zu entdecken, das Ka-tet nich weiter begleiten zu können.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich mich dazu durchringen konnte Band 7 in Angriff zu nehmen. Bereits zuvor hatte ich es mir angewöhnt beim Baden zu lesen. Mehr und mehr änderte sich diese Gewohnheit, bis ich die letzten Wochen schließlich viel zu viel Zeit im Bad verbrachte. Als meine Haut schließlich so trocken wurde, dass sie juckte und schmerzte, reduzierte ich mein Pensum und näherte mich langsamer dem Turm. Einer nach dem anderen verließen sie uns. Walter/Randall Flagg/Der Mann in Scharz, Rolands alter Widersacher, starb einen unspektakulären Tod. Das war ganz und gar nicht der Showdown, mit dem ich gerechnet hatte. Mit Eddies Tod zerbrach das Ka-tet und erfüllte die Vorahnungen. Sheemie starb. Jake starb zum zweiten und letzten Mal. Susannah verließ Roland und seine Welt für die Aussicht auf ein Leben mit Eddie und Jake in einem anderen Wo und Wann. Letzten Endes erwischte es auch Oy und so erreichten nur noch zwei den Turm und den Crimson King, drei wenn ich mich hinzuzähle.

Inzwischen hatte es die Saga geschafft mehr als nur ihre eigenen 7 Bände zu füllen. Der Dunkle Turm reicht in viele andere Werke hinein und diese weisen wiederum zum Turm. Ted Brautigan aus „Hearts in Atlantis“, Patrick Danville aus „Insomnia“, Pater Callahan aus „Salem’s Lot“, die Artus-Sage, … Doch auch Kings eigene Inspiration, Robert Brownings Gedicht „Child Roland To The Dark Tower Came“, welches ihm komplett in einem Traum erschienen sein soll, reicht noch viel tiefer in die Welt. So handelt es sich beim Titel um eine Zeile aus William Shakespeares „King Lear“, welches wiederum von einem Märchen „Childe Rowland“ inspiriert wurde. Das Netz das in Kings Büchern aufgespannt wird ist so gigantisch wie die Welten, von denen man in ihnen erfährt.

Das Ende war sanft, auch wenn King das anders beschreibt, zumal „Ende“ nicht ganz korrekt ist. Es war irgendwie typisch und irgendwie auch nicht. Roland endete wie ihm bestimmt war – allein. Zwar war er Dinh zweier Ka-tets gewesen doch war es ihm nie bestimmt gewesen nicht allein zu sein. „Ka is a wheel“ und ob man es nun Bestimmung oder Schicksal nennen mag, so fügte sich am Ende alles. Erst als Roland vor der letzten Kammer im Turm angekommen ist, nachdem er die Spitze erklomm, wurde alles ganz klar für mich und die folgenden Sätze bestätigten mich lediglich noch. Weg war alle Anspannung, alle Aufregung. Die Geheimnisse blieben geheim und werden es immer bleiben. Es wird keine Antworten auf die Fragen geben wer Marten war, wer der Crimson King war und wie alles mit dem Turm und den Beams zusammenhing, mit Gan, Shardik, Maturin, …

Am Ende ist Roland allein, wie zu Beginn.
Am Ende steht der Anfang.
Ka is a wheel.
So endet auch für mich die Reise, wie sie für mich begann. Ich bin 29 Jahre und auf meinem Schreibtisch liegt die gebundene Version „The Dark Tower – Book I“, eine um etwa 35 Seiten erweiterte Version der gekürzten Originalausgabe. Sie beginnt: „The man in black fled across the desert, and the gunslinger followed.

Ich halte den ersten Teil in Händen und er saugt mich förmlich in sich hinein.

Kommentare (7)

  1. Pingback: Der Nebel - Alexander Langer

  2. Eine sehr schöne Rezension ohne den Anspruch literaturwissenschaftlicher Pingeligkeit. Fühle Dich mal eingeladen auf meine Homepage, auf der auch ein King-Kapitel wächst. Die Saga vom dunklen Turm ist allerdings noch nicht dabei…
    Ich wünsche Dir lange Tage und angenehme Nächte …
    Klaus

  3. Auch wenn ich diesen Beitrag aus der altersbedingten Versenkung hole, habe deinen Blog über diesen gefunden und muss sagen, dass mir an manchen Stellen durchaus ein winziges bisschen Gänsehaut gekommen ist. Sehr „mitreißend“ geschrieben, wenn man es selbst gelesen hat, kann man dir gut nachempfinden ^^. Ich selbst habe leider erst spät die Dark Tower Reihe für mich entdeckt (lang lag der erste Band bei mir rum und ich könnte mich heute immer noch dafür schelten, es an die Seite geschoben zu haben.) Allerdings bin ich nicht sehr geduldig und so lange Wartezeiten zwischen den hervorragenden Büchern hätten mich womöglich um den Verstand gebracht…

  4. Ich schiebe dagegen die eigene Aufarbeitung noch vor mir her. D.h. die Bücher nochmal im Original als Hardcover nachkaufen und von vorn beginnen. Ganz getreu dem Motto: Ka is a wheel ;)

    The Gunslinger steht im Schrank, aber da liegt erstmal noch das fette „Die Arena“, mit dem ich schon begonnenhabe und noch irgendwas Kurzgeschichtiges und einige andere Bücher (nicht nur von King) und die nächste Fuhre ist schon unterwegs.

    Bücher sind eben schneller gekauft als gelesen.

  5. >Bücher sind eben schneller gekauft als gelesen.<
    weise Worte ^^

    Also ich habe auch nur die lumpige Taschenbuch Version (im englischen Original natürlich). Konnte sie sehr günstig bei Ebay schießen (allerdings in entsprechendem Zustand…). Mir als "Sammler" (aller möglichen Medien) ist das äußere auch wichtig, deshalb ist es irgendwie schade, dass es keine einheitliche komplett Veröffentlichung gibt (soweit ich weiß). Die ersten 4 hab ich im Schuber, 5 und 6 in gleichartigem Format aber Band 7 ist kleiner 0.o … das nervt. Ich konnte bisher keine geeignete Hardcover Version finden, bist du da erfolgreicher? (Ich spiele schon ganz ernsthaft mit dem Gedanken mir die Bücher selbst binden zu lassen…)

  6. Die übrigen Bücher (2-7) wollte ich Peu a Peu nachkaufen. Ich nehme an, mich wird die Formatvielfalt dann vor ähnliche Probleme stellen, sollte es bis dahin keine komplette „Sammler-Edition“ geben.

    Auch ne interessante Taktik um mehr Bücher zu verkaufen ;)

  7. danke für diese wunderbare zusammenfassung.. mir lief der ein oder andere schauer über den rücken. habe gestern abend zum zweiten mal die saga durchgelesen und wie beim ersten mal habe ich alle möglichen ausflüchte für mich selbst gesucht, warum ich band 7 noch ein wenig schiebe ;)
    zu hause liegt nun noch „wind“ vor mir. ich bin mir nicht sicher, ob es mich so packen wird, wie es die anderen turm-bände geschafft haben. aber irgendwie will ich jetzt schon wieder zum anfang.. das ka-tet fehlt

Kommentare sind geschlossen.